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Mehr und mehr Vietnamesen werden Bäcker-Lehrlinge in Sachsen

Sachsens traditionelle Bäckerhandwerk wird asiatisch. Immer mehr Vietnamesen kommen in den Freistaat, um das Bäckerhandwerk zu lernen. Das sind die Gründe.

Lesedauer: 3 Minuten

Luisa Zenker

Dresden. Stollenkrümel verteilen sich auf dem Schneidebrett, die Warteschlange in der Bäckerei Pfützner in Schmiedeberg bei Dippoldiswalde ist lang. Mai Vu fegt gelassen die Krümmel zusammen und nimmt die ausgetrunkenen Kaffeetassen der Kunden nach hinten zum Abwasch. „Sie ist sehr fleißig“, sagt Bäckermeister Konrad Pfützner.

Im Sommer 2024 hat er die 24-jährige Vietnamesin eingestellt, weil er für den ausgeschriebenen Posten ein Jahr lang niemanden gefunden hat. Eine Herausforderung, vor der viele Bäckereien in Sachsen stehen. Besonders Azubistellen seien im Lebensmittelhandwerk, gerade auf dem Land, schwer zu besetzen, heißt es von der Handwerkskammer Dresden (HWK).

Unattraktiver Job: Zahl der Azubis im Backhandwerk hat sich halbiert

Die Zahl der Auszubildenden hat sich im Backgewerbe in Deutschland allein in den vergangenen zehn Jahren fast halbiert, schlussfolgert auch eine Branchen-Analyse der NGG in Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung. Ein Grund, warum das Bäckerhandwerk unattraktiv ist, liegt in der Nachtarbeit. Das bestätigt auch Bäckermeister Pfützner. Von 23 bis sechs Uhr morgens stehen seine Bäcker in der Backstube. Abhilfe kommt nun aus dem Ausland.

Die Zahlen ausländischer Azubis steigen im Kammerbezirk Dresden stetig. Inzwischen haben 377 Azubis keine deutsche Staatsangehörigkeit, das entspricht einem Anteil von etwa sechs Prozent.

Ein Drittel der ausländischen Azubis kommt aus Vietnam

Die größte Gruppe der ausländischen Auszubildenden stellt Vietnam. „135 Lehrlinge aus diesem fernöstlichen Land befinden sich aktuell im ersten, zweiten beziehungsweise dritten Lehrjahr. Der Großteil von ihnen erlernt den Beruf des Fachverkäufers im Lebensmittelhandwerk beziehungsweise des Bäckers“, sagt HWK-Sprecher Daniel Bagehorn. Ähnlich sieht es im Kammerbezirk Chemnitz aus, ein Drittel der 158 ausländischen Azubis stammt aus Vietnam, ein Großteil arbeitet im Bäckerhandwerk. Auch in Leipzig haben 30 ausländische Azubis vietnamesische Wurzeln.

Eine von ihnen ist Mai Vu. Bäcker Pfützner hat sie mithilfe der Dresdner Agentur Akadia Power gefunden. Die Agentur vermittelt jährlich 200 vietnamesische Azubis und 350 Fachkräfte nach Deutschland – besonders für die Berufe Fachverkäufer und Fleischer, aber auch für das Handwerk und die Industrie. Der Bäcker musste für die Vermittlung mehrere tausend Euro bezahlen, kann sich diese aber durch Förderprogramme erstatten lassen. Außerdem kümmert sich die Agentur um alle Behörden-Gänge: von Visum bis Versicherung.

Es ist ruhig in Schmiedeberg, das gefällt mir. In meiner Heimatstadt in Nordvietnam ist es immer laut. – Mai Vu, Azubi in der Bäckerei Pfützner in Schmiedeberg

Der Geschäftsführer von Akadia Power, Jens Günther, hat sich seit 2021 auf Vietnam fokussiert: „Die DDR hat die Standards gesetzt. Die Vietnamesen sind hier sehr fleißig.“ Vor Ort zahlen die Vietnamesen für den Deutschkurs. Haben sie das B1-Niveau erreicht, können sie sich für eine Stelle in Deutschland bewerben.

Auch Bäcker Pfützner hatte ein Online-Bewerbungsgespräch mit mehreren Vietnamesen, für zwei hat er sich entschieden: Mai Vu und Hieu Vu.

Warum so viele Vietnamesen nach Deutschland kommen

„Deutschland ist ein wirtschaftlich hoch entwickeltes Land. Deshalb wollte ich nach Deutschland gehen, um meine Karriere voranzutreiben und mehr Geld zu verdienen, um meine Familie zu unterstützen“, erklärt die 24-Jährige den Grund, warum sie nach Sachsen gekommen ist. Sie sendet regelmäßig Geld an ihre Eltern für die Altersvorsorge.

In den vergangenen 60 Jahren stieg die Einwohnerzahl in Vietnam von 32 Millionen auf 100 Millionen. „Es gibt einen hohen Ausbildungsstandard, aber wenige Jobs“, sagt Jens Günther, der alle sechs Wochen in Vietnam ist. Die Vietnamesen seien stolz, nach Deutschland zu kommen.

Bäcker war von Deutschkenntnissen erschrocken

Mai Vu ist jetzt im zweiten Lehrjahr, sie wohnt und arbeitet in Schmiedeberg. „Es ist ruhig in Schmiedeberg, das gefällt mir. In meiner Heimatstadt in Nordvietnam ist es immer laut“, sagt sie im gebrochenen Deutsch. So manche Sätze muss sie via Google-Translator übersetzen.

Als Mai Vu und Hieu Vu nach Deutschland kamen, war Bäckermeister Pfützner erschrocken. Er habe bessere Deutschkenntnisse erwartet. „Das reichte kaum über Hallo und Tschüss hinaus.“ Mai Vu habe schnelle Fortschritte gemacht, als Backwarenfachverkäuferin hat sie viel Kundenkontakt. Schwieriger sei es für Bäckerlehrling Hieu Vu, der nachts in der Backstube wenig Austausch hat.

Immer mehr Vietnamesen machen eine Bäckerausbildung: Mai Vu (24) aus Nordvietnam lernt bei Bäcker Konrad Pfützner aus Schmiedeberg.
Immer mehr Vietnamesen machen eine Bäckerausbildung: Mai Vu (24) aus Nordvietnam lernt bei Bäcker Konrad Pfützner aus Schmiedeberg.
Quelle: SZ/Veit Hengst

Die Handwerkskammer Dresden hat deshalb vor einem Jahr eine Integrationsbeauftragte für Vietnam eingestellt, sie hilft bei Behördengängen und Sprachkursen. „In meiner Klasse sind 15 von 30 Lehrlingen aus Vietnam“, sagt Mai Vu. Auszubildende aus dem Ausland werden eine wachsende Stütze für den deutschen Ausbildungsmarkt, heißt es auch von der Agentur für Arbeit angesichts des Geburtenrückgangs.

Agentur-Chef Günther erhält daher jährlich mehr Anfragen von sächsischen Unternehmen, darunter auch von Edeka, Rewe oder vom Energiespezialisten Yados aus Hoyerswerda: „Es werden immer mehr Fachkräfte nachgefragt, da kann es der Wirtschaft nicht so schlecht gehen.“

Bäcker Püftzner wartet derzeit auf einen weiteren Lehrling aus Vietnam. Doch dieser steckt mit gepackten Koffern seit Wochen in Asien fest, weil es Probleme mit dem Visum gibt. Der Bäckermeister ist sich deshalb unsicher, ob er auf das Ausland in Zukunft setzt.

SZ

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