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„Wir brauchen Zuwanderung“: Warum Sachsens Wirtschaft auf Weltoffenheit setzen

Einige Firmen aus Sachsen setzen auf Beschäftigte aus dem Ausland und engagieren sich im Verein „Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen“. Wie ein Reisemobilhersteller Fachkräfte aus Tschechien integriert und warum Ministerpräsident Michael Kretschmer für Zuwanderung wirbt.

Lesedauer: 3 Minuten

Sylvia Pfefferkorn zieht nach zehn Jahren WWS Bilanz: Der Verein will künftig noch stärker in die Betriebe hineinwirken. Quelle: Benjamin Woop

Von Benjamin Woop

Dresden. Der Verein „Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen“ (WWS) hat am Dienstag in Dresden sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Es kamen Unternehmerinnen und Unternehmer, Vertreter aus Verbänden und Politik sowie Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).

Ziel des Netzwerks ist es, Unternehmen zu verbinden, die sich für Weltoffenheit, Demokratie und einen international vernetzten Wirtschaftsstandort Sachsen einsetzen.

Ministerpräsident Michael Kretschmer machte beim WWS-Jubiläum deutlich: Sachsens Wirtschaft wird ohne Zuwanderung nicht auskommen.
Ministerpräsident Michael Kretschmer machte beim WWS-Jubiläum deutlich: Sachsens Wirtschaft wird ohne Zuwanderung nicht auskommen.
Quelle: Benjamin Woop

Das „faire Miteinander“ bei Capron

Wie das im Unternehmensalltag aussieht, zeigt sich beim Reisemobilhersteller Capron aus Neustadt in Sachsen. Das Unternehmen ist seit 2024 Mitglied bei WWS. Capron produziert Fahrzeuge für Kunden weltweit. Auch in der Belegschaft arbeiten Menschen verschiedener Nationalitäten.

Unternehmenssprecherin Daniela Kauf beschreibt den Anspruch so: „Wir wollen global denken und regional handeln.“ Mit der Mitgliedschaft bei WWS will das Unternehmen ein produktives Arbeitsklima stärken, kulturelle Kompetenzen in der Belegschaft aufbauen und Mitarbeiter vor Diskriminierung und Vorurteilen schützen. Das „faire Miteinander“ sei in den Unternehmenswerten fest verankert.

Fachkräfte aus Tschechien

Eine der größten Herausforderungen für Capron ist der Fachkräftemangel. Das Unternehmen versucht deshalb gezielt, Personal aus Tschechien zu integrieren. Toni Pietsch, Leiter Technik bei Capron, sagt: „Wir sind froh über jeden, der uns über die Grenze hinaus unterstützt.“

Wir brauchen also Zuwanderung. Es geht gar nicht anders. – Michael Kretschmer, Ministerpräsident Sachsen

Damit die Zusammenarbeit im Werk funktioniert, setzt Capron seit rund zwei Jahren Dolmetscher ein. Sie kommen wie die Beschäftigten in Früh- und Spätschicht und helfen bei Montageprozessen, Personalgesprächen, im Produktionsalltag und bei Betriebsversammlungen.

Mit WWS hängt diese Maßnahme nicht direkt zusammen. Für Pietsch zeigt sie aber, worum es im Kern geht: Weltoffenheit bleibt nicht bei einem Bekenntnis stehen, sondern muss im Betrieb organisiert werden. Das Netzwerk ist eine „Inspirationsquelle“. Man erfährt, was andere Unternehmen umsetzen, und diskutiert dann intern, was davon zum eigenen Betrieb passt. Als Beispiel nennt Pietsch Webinare und Hinweise auf Beratungsstellen im Ausland, um Fachkräfte anzuwerben.

Mehr als ein Label

Capron hat nach eigenen Angaben viel positives Feedback bekommen, als das Unternehmen seine WWS-Mitgliedschaft öffentlich machte – vor allem von Kunden und Bewerbern. Gegenwind hat es bislang nicht gegeben. Kauf sagt, Weltoffenheit gehöre „quasi zum Lebensgefühl, zur DNA der Caravaning-Branche“.

Trotzdem sieht Pietsch die Positionierung nicht als Selbstläufer. „Ein zu starkes Positionieren kann kritisch gesehen werden, auch von der eigenen Belegschaft.“ Wichtig sei, klar zu zeigen, wofür man stehe, ohne mit erhobenem Zeigefinger aufzutreten.

„Rote Linie ist das Grundgesetz“

Sylvia Pfefferkorn, Geschäftsstellenleitung und Sprecherin, zieht nach zehn Jahren eine positive Bilanz. Der Verein wurde 2016 gegründet, damals startete WWS mit zehn Gründungsmitgliedern. Heute sind es etwa 160 Mitglieder, darunter Unternehmen, Vereine, Verbände, Kammern und Kliniken.

Die Arbeit sei aber nicht einfacher geworden. „Nach Wahlen mit hohen Ergebnissen für rechtspopulistische Parteien ist das immer wieder ernüchternd.“ Dann gehe es darum zu erklären: „Was hat denn meine Wahl eigentlich mit meinem Arbeitsplatz zu tun?“

Sylvia Pfefferkorn, Sprecherin von „Wirtschaft für ein Weltoffenes Sachsen“, beim Jubiläum des Netzwerks im Dresdner Residenzschloss.
Sylvia Pfefferkorn, Sprecherin von „Wirtschaft für ein Weltoffenes Sachsen“, beim Jubiläum des Netzwerks im Dresdner Residenzschloss.
Quelle: Benjamin Woop

Der Verein unterstützt Unternehmen auch, wenn es Probleme gibt: bei Integration, bei rassistischen oder sexistischen Vorfällen, bei Konflikten in der Zusammenarbeit. „Unsere einzige rote Linie ist das Grundgesetz“, sagt Pfefferkorn. Auf dieser Basis könne alles diskutiert werden.

Auch wirtschaftlich schwierige Zeiten spürt der Verein. Manche Unternehmen würden dann ihre Mitgliedschaften hinterfragen. WWS hat seine Beiträge inzwischen stärker nach Unternehmensgröße gestaffelt. Das hat Kritik ausgelöst, einzelne Unternehmen sind nicht mitgegangen. Die Mehrzahl ist aber geblieben, sagt Pfefferkorn.

Sachsens Wirtschaft braucht Zuwanderung

Ministerpräsident Kretschmer verband das Thema einer weltoffenen Wirtschaft in Sachsen mit der demografischen Entwicklung. In Teilen des Erzgebirges und der Oberlausitz gingen fast doppelt so viele Menschen in Rente, wie junge Menschen ins Arbeitsleben eintreten. „Wir brauchen also Zuwanderung. Es geht gar nicht anders.“

Für Unternehmen wie Capron ist das Thema Weltoffenheit längst Alltag. Sie zeigt sich schon bei der Fachkräftesuche, Einarbeitung und Verständigung im Werk.

SZ

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