Von Irmela Hennig
Paddeln, vielleicht? Mit dem Schlauchboot von Görlitz aus die Neiße abwärts bis zur Modelpfutz, Bodelmutz und zum guten König Bergamo? Allesamt Inselgeister auf der Kulturinsel Einsiedel. Einem Freizeitpark in Zentendorf an der sächsisch-polnischen Grenze mit Baumhaushotel, Labyrinth, Kannibalenkessel, Tretauto-Parcours oder auch Büffel-WG. Etwa 21 Flusskilometer wären das, gerechnet ab der Paddler-Einstiegsstelle „Zur Tischbrücke“, etwas nördlich vom Görlitzer Zentrum. Bei Flusskilometer 150,5 für alle, die es ausprobieren wollen.
Auf diversen Erlebnisberichte-Webseiten kann man dazu Erfahrungen nachlesen. Solche wie: „Es ist wirklich schön, die Neiße ab Görlitz zu paddeln. Schön und ruhig. Kein Schiff, kein Boot, kein Kahn weit und breit“, schreibt beispielsweise ein Dresdner.
Eugen Valtin überzeugt das nicht. Für die breite Masse, so der Mann für die Kulturinsel-Öffentlichkeitsarbeit, sei die Paddelboot-Anreise aus dem Süden zur Kulturinsel nicht geeignet. Und von Norden her – gegen den Strom – sowieso nicht.
War ja auch nur so ein Gedanke. Eine Alternative für jene, die nicht das Auto nutzen können oder wollen. Und die für die „letzte Meile“ ab Bahnhof oder Bushaltestelle eine Möglichkeit suchen. Immerhin kann man am Freizeitpark anlegen.
Gelangt man dann wenigstens komplett mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zum Kulturinsel-Eingangstor? „Unter der Woche, von 6 bis 19 Uhr, geht es auf alle Fälle“, so Valtin. „Aber probieren Sie das mal am Wochenende, zum Beispiel vom Berliner Ostbahnhof aus“, empfiehlt er. Zwar gebe es Verbindungen in die Region – aber wenige und zeitlich eingeschränkt. Wobei – für Frühaufsteher wäre der Tagesausflug Ostbahnhof-Zentendorf und zurück mit acht Stunden Inselaufenthalt schon drin, zeigt die Recherche. Wenn man häufiges Umsteigen beim Reisen mag.
ÖPNV und Urlaub – vor allem im ländlichen Raum scheint das mitunter eine Herausforderung zu sein. Doch gerade mit Blick auf Nachhaltigkeit werde das für Touristen und Ausflügler wichtiger, geht aus einer Untersuchung hervor, die der Tourismusverband Erzgebirge unter anderem mit der Technischen Universität Chemnitz gemacht hat. Dort heißt es: „Es ist nicht mehr die Grundfrage vieler Reisender, wohin kann ich fahren, sondern, wie kann ich mein Reiseziel am effektivsten, nach Kosten- und Zeitaufwand, erreichen.“
Eine Nutzerbefragung für Ostsachsen von reichlich 800 Personen durch die Marketing-Gesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien (MGO) und den dortigen Verkehrsverbund von 2024 zeigte allerdings, nur acht Prozent der Umfrage-Teilnehmer fuhren per ÖPNV in den Urlaub. Ein Grund dafür könnte in den Angaben zum Thema „Pünktlichkeit und Häufigkeit der Verbindungen“ liegen. Nur rund ein Drittel bewertete beides mit gut oder sehr gut. Die Übrigen urteilten, es sei ausreichend, schlecht oder sehr schlecht darum bestellt.
Gästekarte hilft Kosten zu sparen
Interesse, Bus und Bahn für Ausflüge und Urlaube zu nutzen, gebe es aber definitiv. „Vor allem in Verbindung mit Wandern, Kultur- und Städtetourismus“, informiert Oliver Herberg von der MGO. Mit dem Euro-Neiße-Ticket gibt es in der Oberlausitz sogar einen Fahrschein, in dem Ziele beziehungsweise Bus- und Bahnstrecken in Polen und Tschechien inkludiert sind. „Gäste, die darauf stoßen, sind sie begeistert“, so Herberg.
In Zusammenarbeite mit dem hiesigen Verkehrsverbund habe die MGO überdies eine Webseite zur Mobilität angelegt. Zudem habe man Rad- und Wanderwege ins Portal „Outdooractive“ als Produkte eingestellt. Dort finden Ausflügler beispielsweise den 107 Kilometer langen Oberlausitzer Bergweg samt Nahverkehrsverknüpfung. Für die noch junge Gravelbike-Route „RockHead“ durch Sächsische Schweiz und Oberlausitz sei das Thema ÖPNV mitbedacht worden. Inklusive Fahrradmitnahme. Die ist – allerdings nach Voranmeldung – teilweise sogar in der Zittauer Schmalspurbahn möglich. Oliver Herberg sagt aber auch, Radmitnahme sei ein „brisantes Thema“. Und nicht überall gewährleistet. Das Thema wolle man angehen – zumindest insoweit, dass Reisende bei den Verkehrsbetrieben vorab erfragen können, ob oder wie die Mitnahme klappen könnte.
Für das Zittauer Gebirge wurde im Mai 2025 eine Gästekarte eingeführt. Urlauber in den teilnehmenden Kommunen können nach Zahlung ihrer Taxe damit Bus und Bahn ohne zusätzliche Kosten fahren. Entstanden sei das unter anderem als Antwort auf überlastete Wanderparkplätze und folglich mit Autos zugestellte Wanderwege in der beliebten Ausflugsregion.
Ein Segen für Menschen ohne Auto
In 13 Städten und Gemeinden der Sächsischen Schweiz gibt es eine solche Karte bereits seit 2020. Ein Erfolgsprojekt, wie Tino Richter, Geschäftsführer des dortigen Tourismusverbandes, sagt. Er verweist auf eine Auswertung von 2023. In Kommunen mit der „Gästekarte mobil“ hatten demnach damals 49 Prozent der Urlauber den ÖPNV genutzt. In Ortschaften ohne Karte seien es nur 21 Prozent gewesen.
Keinen Parkplatz suchen müssen, größerer Erholungseffekt oder das Bier nach der Wanderung trinken können, seien einige Gründe für den Umstieg von Pkw auf Bus und Bahn. „Außerdem gibt es den Trend, dass Menschen gar kein eigenes Auto haben“, so Richter. Für die sei so eine Gästekarte ein Segen. Der Tourismusverband habe mit den regionalen Verkehrsverbünden eigens einen touristischen Liniennetzplan erstellt. Dafür seien Tagestouren aufbereitet worden, die sich gut mit Bus- und Bahnangeboten verknüpfen lassen. Als Sahnehäubchen – wenn auch nicht in der Gästekarte enthalten – gebe es das Wanderschiff. Mit dem geht es über die Elbe beispielsweise ins tschechische Hřensko.
Die Ausgaben für den touristischen ÖPNV finanziere der Gast übrigens über seine Taxe. „Es wird dafür kein zusätzliches Geld ausgegeben“, so Richter, der noch Potenzial sieht. So sei es wünschenswert, künftig mehr Menschen zur Anreise mit der Bahn zu bewegen. Überdies seien abgelegene Orte ein Punkt – da geht es um die berüchtigte „letzte Strecke“ zu Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, die kein Bus ansteuere. Mitunter würden Gastgeber da selbst aktiv. Bieten an, Reisende an der nächstgelegenen Haltestelle abzuholen.
Eine Alternative dazu könnte etwas sein, dass im erzgebirgischen Zwönitz seit 2022 auf der Straße unterwegs ist – das Erzmobil. Ein Rufbus-System. Wer es nutzen will, meldet eine Fahrt über eine App oder per Telefon an. Das Angebot richte sich vor allem an die einheimische Bevölkerung, sagt Projektleiter Jörg Rudolf. Für Touristen sei es konkret in Zwönitz eher uninteressant – wegen des begrenzten Bediengebiets und der Betriebszeiten. „Wir fahren nicht an Wochenenden“, nennt Rudolf einen Grund. Ausnahmen gebe es bei Veranstaltungen. Urlauber seien damit folglich kaum unterwegs, obwohl sogar ein Wanderparkplatz angesteuert werde. Eine örtliche Jugendherberge habe man mit dem Erzmobil allerdings an die Chemnitzer City-Bahnlinie anschließen können. So ein System wäre wohl grundsätzlich als Urlauberangebot adaptierbar. Rudolf hält es für sinnvoll, beim ÖPNV flexibler zu denken. Auch aus finanziellen Gründen. „Es gibt Kommunen, die für Linien-Angebote viel mehr an Verkehrsunternehmen zahlen, als wir an Kosten für das Erzmobil haben“, so Rudolf. Doch Anfragen zu ihrem Projekt gebe es bislang aus anderen Regionen kaum.


