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Nach jahrelanger Hilfe in Israel: Sächsische Handwerker trauern um getöteten Wegbegleiter

Seit Jahren helfen sächsische Handwerker ehrenamtlich im Süden Israels. Nun wurde ein befreundeter Regionalbürgermeister beim Angriff der Hamas getötet.

Lesedauer: 2 Minuten

Handwerker aus Sachsen lernten den nun getöteten Lokalpolitiker Ofir Liebstein (Mitte) als Botschafter des Friedens kennen.
Handwerker aus Sachsen lernten den nun getöteten Lokalpolitiker Ofir Liebstein (Mitte) als Botschafter des Friedens kennen. © Sächsische Israelfreunde

Von Henry Berndt

Sie nehmen Urlaub und bezahlen ihre Flüge selbst, um Wohnungen von Holocaust-Überlebenden zu renovieren und Suppenküchen instand zu setzen. Seit 2004 reisen jedes Jahr mehrere Gruppen mit insgesamt Hunderten Handwerkern für mehrwöchige Arbeitseinsätze nach Israel, organisiert über den Verein Sächsische Israelfreunde. „Sie bringen dem Volk Gottes Segen und nehmen durch ihre Arbeit selbst Segen wieder mit nach Hause“, sagt Wilfried Gotter, Geschäftsführer des Vereins.

Vor allem in der Region um die 30.000-Einwohner-Stadt Sderot, die beinahe an den Gazastreifen grenzt und seit Jahren wegen ständiger Raketenangriffe als gefährlichster Ort Israels gilt, haben die Handwerker zuletzt ehrenamtlich viel Aufbauarbeit geleistet. Hier gibt es weder Tourismus noch eine starke Wirtschaft. Die Menschen sind arm und meist auf sich allein gestellt.

Wilfried Gotter vom Verein Sächsische Israelfreunde beklagt mangelndes Wissen über den Nahostkonflikt in Deutschland.© Sächsische Israelfreunde

Bei ihren Einsätzen trafen die Sachsen auch den Regionalbürgermeister Ofir Liebstein, der für mehrere Kibbuzim, also Siedlungen, in der Region zuständig war. „Wir haben ihn als sehr offenen Menschen kennengelernt, der trotz der schwierigen Lage immer an den Frieden geglaubt hat“, erinnert sich Samuel Hänsch. Der 37-Jährige aus Großschönau leitet die Teams in der Region an und wäre unter normalen Umständen an diesem Wochenende erneut zu einem Arbeitseinsatz nach Israel geflogen. Der Angriff der Hamas macht das unmöglich.

Von Liebsteins Tod erfuhr Hänsch aus den Medien. Wie es heißt, soll er bei einem Feuergefecht erschossen worden sein, als er versuchte, seinen Kibbuz vor den Angreifern zu verteidigen. „Die Meldung hat mich tief betroffen gemacht“, sagt Hänsch. Noch gut erinnere er sich an das Treffen mit dem charismatischen Lokalpolitiker, der sich besonders von der Motivation der Helfer aus Sachsen berührt gezeigt habe. „Es ist unser christlicher Glaube, der uns antreibt und der Wunsch, ein Stück weit Wiedergutmachung für vergangene Verbrechen zu leisten“, sagt Hänsch.

Über die Jahre entstanden vor Ort zahlreiche Freundschaften, aus denen sich wiederum neue Projekte entwickelten. Unter anderem lud der Verein Sächsische Israelfreunde im Sommer 2022 eine Gruppe von Kindern aus Sderot zu einem Ferienlager nach Sachsen ein. Sie grillten Stockbrot, besuchten die Festung Königstein, fuhren Kajak auf der Zwickauer Mulde.

Wie es für die Familien in der Region Sderot nun weitergeht, ist vollkommen ungewiss. Einige Kibbuzim sind nach dem Angriff der Hamas evakuiert worden. Über das Ausmaß der Zerstörungen wissen auch die Handwerker aus Sachsen bislang nichts.

Unterdessen beklagt Wilfried Gotter vom Verein eine zu schwach ausgeprägte Erinnerungskultur in Deutschland. „Die Gesellschaft kümmert sich nur um die toten Juden, aber nicht um die lebendigen“, sagt er. Es sei erschreckend, wie wenig die meisten Menschen in Sachsen über die Wurzeln des Konflikts im Nahen Osten wüssten. Mit seinem Bildungs- und Begegnungszentrum für jüdisch-christliche Geschichte und Kultur in Reichenbach im Vogtland will der Verein mithelfen, das zu ändern.

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