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Neuer Lieferdienst in Sachsen – Was Picnic besser machen will als Flink oder Rewe

Mit großen Versprechen wollen Lebensmittellieferdienste den Handel auf den Kopf stellen. Mit Picnic startet ein neuer Anbieter in Dresden und Leipzig. Auch die Rivalen legen nach. Was der harte Konkurrenzkampf für Kunden bedeutet.

Lesedauer: 4 Minuten

Lebensmittel online: In Leipzig und Dresden liefern Dienste wie Picnic, Flink oder Rewe bereits oder bald Einkäufe direkt an die Tür. Im Wettbewerb beginnt nun eine neue Phase. Quelle: Benjamin Winkler (Montage), Fotos: dpa, imago/ Michael Gstettenbauer, Rüdiger Wölk, snowfieldphotography, de.freepik.com

Florian Reinke und Luisa Zenker

Leipzig/Dresden. Der Milchmann ist nach Sachsen zurückgekehrt – nur ohne Pferdewagen und Kanne. Stattdessen rollen Elektrofahrzeuge durch Dresdner Stadtteile und bringen Joghurt, Tomaten und Spülmittel direkt vor die Tür. Dahinter steckt Picnic: Der niederländische Online-Supermarkt ist in der Landeshauptstadt gestartet und zielt mit seinem „Milchmann-Prinzip“ auf die Platzhirsche. Im Kampf um den Wocheneinkauf in Sachsen hat ein neues Kapitel begonnen.

Erik Maier, Leiter der Professur Marketing an der TU Chemnitz, stellt klar: „In Leipzig und Dresden beginnt jetzt die nächste Phase im Kampf der Lieferdienste, und die hat mit dem Hype aus der Corona-Pandemie nichts mehr zu tun. Die Flitterwochen sind vorbei.“ Wer heute einsteige, wisse genau, was er tue: „Das ist kein Ausprobieren mehr. Das ist ein Kampf um Marktanteile – mit sehr gut gefüllten Taschen.“

Picnic-Lieferfahrzeug: Der niederländische Anbieter ist in Sachsen gestartet.
Picnic-Lieferfahrzeug: Der niederländische Anbieter ist in Sachsen gestartet.
Quelle: Chantal Geist

Schnell, schneller, zu schnell: So teilt sich der Markt auf

Der Online-Handel mit Lebensmitteln wächst laut Unternehmensberatung PwC bis 2030 um durchschnittlich acht Prozent im Jahr. Jeder sechste Euro landet bereits heute im digitalen Einkaufswagen.

Wer im Dschungel der bunten Kurier-Rucksäcke noch durchblicken will, muss das Geschäft in zwei Welten unterteilen. Auf der einen Seite steht die Lieferung fertiger Gerichte: ein Massenmarkt, in dem Lieferando lange allein regierte und nun Wolt und Uber Eats mitmischen. Dabei weichen die Grenzen auf: Auch Plattformen wie Wolt liefern Lebensmittel, holen Waren aber von einzelnen Supermärkten und Tankstellen ab. Ein eigenes Lager haben sie nicht.

25.000 Haushalte in Dresden für Picnic angemeldet

Auf der anderen Seite steht der eigentliche Kampf um den Wocheneinkauf. Die Branche teilt sich in zwei Extreme: Schnelllieferdienste wie Flink, die in Minuten statt Stunden ausliefern, und das klassische Segment. In Letzterem thront Rewe bislang als Platzhirsch in Sachsen, flankiert von Akteuren wie Flaschenpost, der sein Getränke-Geschäft um Lebensmittel erweitert hat.

Genau in dieses Segment bricht jetzt Picnic ein. In Dresden fahren die Niederländer mit 43 Mitarbeitern und 21 Fahrzeugen durch die Straßen. Der Start verlief laut Unternehmen besser als erwartet: Über 25.000 Haushalte hätten sich angemeldet.

Sieht einen harten Kampf um Marktanteile: Handelsexperte Erik Maier
Sieht einen harten Kampf um Marktanteile: Handelsexperte Erik Maier
Quelle: Annika Dollmeyer

Der Angreifer: Picnic startet in Dresden und rüstet für Leipzig

„Wir liefern kostenlos und zu den gleichen Preisen wie im Supermarkt – kein Aufschlag, keine Liefergebühr. Das macht den Wocheneinkauf deutlich entspannter“, sagt Mitgründer Frederic Knaudt. Um dieses Versprechen zu halten, vergleicht Picnic die Preise des 12.000 Artikel großen Sortiments mit den großen Supermarktketten.

Leipzig rückt als Nächstes ins Visier. Die Logistik steht: In Kabelsketal (Saalekreis) hat Picnic ein Logistikzentrum mit 300 Arbeitsplätzen eröffnet und beliefert von da aus bereits Halle (Saale). Wann genau der Lieferbetrieb in Leipzig startet, steht noch nicht fest.

Picnic setzt auf das Milchmann-Prinzip

Picnic bündelt die Lieferungen per E-Transporter nach dem modernen „Milchmann-Prinzip“: Statt einzelne Bestellungen auszufahren, bündelt Picnic die Aufträge und liefert sie auf geplanten Routen aus. Für den Kunden bedeutet dieses durchgerechnete System einen Deal. „Als Bestellender tauscht man Flexibilität gegen Kostenfreiheit“, analysiert Handelsexperte Maier.

Wer mit wem? Die Allianzen der Lieferdienste

Um die enormen Kosten der Logistik zu stemmen und im Preiskampf zu überleben, haben sich im Hintergrund Partnerschaften gebildet:

Picnic & Edeka: Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka hält Anteile an Picnic und liefert den Großteil der Lebensmittel.

Flink & Rewe: Der Kölner Rewe-Konzern ist nicht nur mit seinem eigenen Lieferservice aktiv. Er hält auch Anteile am Schnelllieferdienst Flink und beliefert diesen mit Produkten.

Flaschenpost & Oetker: Der einstige Getränke-Express, der heute auch Lebensmittel anbietet, wurde 2020 von der Oetker-Gruppe (u.a. Radeberger) übernommen.

Der Kontrast zur Konkurrenz ist scharf: Während Rewe erst ab 120 Euro kostenlos liefert und Flink unter 59 Euro eine Gebühr aufschlägt, bringt Picnic den Einkauf bereits ab 45 Euro gratis an die Haustür. Der Haken: Bestellungen müssen bis zum Vortag der Lieferung aufgegeben werden. Am Liefertag selbst bekommen Kunden ein 20-Minuten-Zeitfenster angesagt.

Der ländliche Raum hat das Nachsehen

Doch ordnen sich die Sachsen diesem Rhythmus unter? Eine riesige Wechselwelle erwarten Marktbeobachter nicht. In den Großstädten ist das Filialnetz dicht, der nächste Supermarkt nicht weit entfernt.

Die bittere Ironie des Liefer-Hypes zeigt sich ohnehin beim Blick auf die Landkarte: Das eigentliche Potenzial für Dienste wie Picnic, so Forscher Maier, liege im ländlichen Raum. Dort, „wo die Distanzen groß sind und eine stark alternde Bevölkerung von Lieferdiensten erheblich profitieren könnte“. Doch der Markt agiert gnadenlos: „Aber genau dort wird niemand liefern. Denn das rechnet sich nicht.“

Der Platzhirsch: Rewe kontert mit Flexibilität und Verlässlichkeit

Genau in die Schwachstelle des neuen Angreifers – die fehlende Flexibilität – stößt der Platzhirsch. Rewe beliefert Leipzig und Dresden aus einem Leipziger Versandzentrum mit knapp 220 Beschäftigten. Nach dem „Milchmann-Prinzip“ ist Rewe nicht unterwegs. Wer bis 14 Uhr bestellt, kann seine Ware noch am selben Tag erhalten. Das Wachstum baue auf Verlässlichkeit, erklärt eine Sprecherin. Außerdem setzt der Handelsriese auf einen Abholservice in den Märkten.

Abends kommen Gäste. Man braucht noch zehn Flaschen Bier – schnell bestellt.

Erik Maier

Leiter der Professur Marketing an der TU Chemnitz

Noch kompromissloser auf den Faktor Zeit setzt Flink. Der Express-Lieferdienst hat sein Image als Retter für vergessenes Feierabendbier offiziell abgelegt. Im Schnitt geben Kunden in Leipzig und Dresden laut Unternehmen über 45 Euro aus und packen rund 20 Artikel in den digitalen Warenkorb.

Doch Handelsforscher Maier bleibt skeptisch: Das Nutzungsmuster bleibe anlassbezogen. „Abends kommen Gäste. Man braucht noch zehn Flaschen Bier – schnell bestellt.“ Nur ein kleiner Anteil erledige seinen Wocheneinkauf dort dauerhaft. „Das ist und bleibt eine Nische“, sagt Maier.

Flink-Kurier in Leipzig: Das Unternehmen ist als einziger großer Schnelllieferdienst übrig geblieben.
Flink-Kurier in Leipzig: Das Unternehmen ist als einziger großer Schnelllieferdienst übrig geblieben.
Quelle: Kempner

Dennoch: Im laufenden Betrieb schreibt Flink nach eigenen Angaben mittlerweile schwarze Zahlen – und expandiert weiter: In Leipzig steht die Eröffnung eines neuen Hubs in Connewitz bevor. Wer bei Flink bestellt, zahlt allerdings meist mehr als bei der Konkurrenz. Das zeigt ein Test dieser Zeitung.

Warum der Kunde profitiert

Der Wettbewerb hat derzeit einen klaren Gewinner: den Kunden. Wenn Picnic mit Lockangeboten wie einer ersten Gratis-Lieferung oder zehn Euro Rabatt auf den Warenkorb in den Markt drängt, profitieren Verbraucher.

Die Sachsen gelten als preissensibel und als gewiefte Vergleicher. Das wissen alle drei Anbieter. Der Milchmann von einst hatte keine Konkurrenz. Picnic, Rewe, Flaschenpost und Flink kämpfen um jeden Warenkorb. Und die Konkurrenz kommt mit jedem Klingelton an der Haustür näher.

SZ

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