Von Nora Miethke
Grenoble/Dresden. Grenoble ist nach Silicon Saxony der zweitgrößte Mikroelektronik-Standort in Europa. Doch seit 2012 war kein sächsischer Wirtschaftsminister mehr dort offiziell zu Besuch. Dirk Panter holt das nun nach. Er ist diese Woche mit einer Unternehmerdelegation in Frankreich unterwegs, genau genommen in Grenoble, Paris und Montpellier.
Ein engere Austausch in der Mikroelektronik stand im Mittelpunkt der ersten zwei Tage. Ein Viertel aller französischen Beschäftigten in der Halbleiterindustrie arbeiten in der Region, was Grenoble zu einem der wichtigsten Standorte für Mikroelektronik und Chipentwicklung in Europa macht. Diese Stärke wird durch die Ansiedlung von über 500 Start-ups unterstrichen, von denen fast die Hälfte im Bereich Deep Tech tätig ist. Die meisten dieser Unternehmen richten sich an industrielle Anwendungen, etwa in der Energiebranche oder der Medizintechnik.
Die Wertschöpfungskette schließen
„Wir wollen unsere Verbindung nach Grenoble wie auch nach Brüssel stärken, weil wir zusammen mehr erreichen können“, sagt Panter am Telefon, im Zug auf dem Weg nach Paris. Es gehe darum, die Wertschöpfungskette zu schließen. Sachsen sei stark in der Chipproduktion, müsse aber noch bei Themen wie Chipdesign oder Vorprodukte aufholen. Panter und die Delegation besuchten zum Beispiel die Firma SOITEC, die führend in der Herstellung von Hochleistungsmaterialien für die Halbleiterindustrie ist und alle großen Chiphersteller in Dresden beliefert. Siltronic in Freiberg ist ein wichtiger Lieferant. Panter sieht hier noch Potenzial für ein strategisch intensivere Zusammenarbeit.
Ein weiterer Bereich, wo die Kräfte in Europa gebündelt werden müssen, sind moderne Techniken, mit denen mehrere Chips zu einem funktionierenden System verpackt werden können, dem sogenannten Advanced Packaging. Das findet größtenteils in Asien statt. „Es in Europa stärker aufzubauen, können wir nicht allein schaffen und müssen schauen, wer hat welche Fähigkeiten“, berichtet der Wirtschaftsminister.
Beeindruckt hat ihn der Besuch beim Forschungsverbund CEA Leti, das seit 1967 Vorreiter bei Innovationen im Bereich der Mikro-und Nanotechnologien ist. Viele Unternehmen in Grenoble begannen als dessen Ausgründung. Das „Lab-to-Fab”-Modell des CEA-Leti wurde entwickelt, um Unternehmen aller Art und Größe, von Start-ups bis zu globalen Konzernen, während des gesamten Innovationszyklus zu unterstützen. In der Ausrichtung sei das Großforschungszentrum, das rund 660 Patente im Jahr anmeldet und 700 Industriepartnerschaften pflegt, vergleichbar mit der Fraunhofer-Gesellschaft, allerdings viel zentraler organisiert und „dadurch auch schlagkräftiger“, schildert Panter seine Eindrücke. Er will eine stärkere Verzahnung zwischen dem CEA Leti und den Fraunhofer-Instituten in Sachsen fördern. Da sei man wieder einige Schritte vorangekommen.
Könnte eine engere Kooperation mit dem CEA Leti auch dazu beitragen, die Ansiedlung von TSMC in Dresden zum Erfolg zu machen? Das hänge von der Ausrichtung der Fabrik von ESMC ab, so Panter. Die erste europäische Fab des weltgrößten Auftragsfertigers soll vor allem Kunden aus der Automobilindustrie bedienen. Aber vielleicht werde auch TSMC etwas in Richtung Verteidigungstechnologien umsteuern, so wie Konkurrent Globalfoundries in Dresden es derzeit tut. „Da sind wir grundsätzlich offen, brauchen dafür aber unsere eigene Nachfrage“ betont der Wirtschaftsminister. Er hat schon wiederholt im Landtag, im Bundesrat oder auf anderen Bühnen gefordert, dass Sachsen und ganz Ostdeutschland bei den Milliarden-Investitionen in Rüstungsindustrie und Verteidigungstechnologien ausreichend berücksichtigt werden müssten. Aber klar sei, dass Verteidigungsprodukte nicht die Produkte der Zukunft sind, die große Auftragsvolumen und Skaleneffekte bringen. „Das wollen wir uns auch nicht wünschen, dass es so ist“, so Panter.
Zukunftstechnologien in den Fokus rücken
Einer der nächsten Schritte soll sein, Gespräche mit strategischen französischen Partnern aus den Bereichen Aeronautik, Verteidigung und Weltraum zu führen, um mehr industrielle Anwendungen für die energieeffizienten Chips von Globalfoundries und NXP zu gewinnen. Panter zählt auch Robotik, Medizintechnik, Biotechnologie und Radiopharmazie, wo Sachsen stark ist, als mögliche Anwendungsfelder auf.
Von den Franzosen könnten die Sachsen lernen, wie wichtig es ist, sich frühzeitig zu überlegen, was die Zukunftstechnologien sind und sich darauf zu konzentrieren. Die Fraunhofer-Gesellschaft sei eine unglaublich starke Forschungsgemeinschaft, aber auch ein stückweit zersplittert, weil sie räumlich sehr unterschiedlich aufgestellt ist. „Dadurch arbeiten die Institute nicht immer so zusammen, wie wir uns das vielleicht wünschen würden“, übt der sächsische Wirtschaftsminister vorsichtig Kritik und fordert für die Zukunft eine bessere Koordinierung und engere Zusammenarbeit.
Zurück in Sachsen hat sich Panter auf den Aufgabenzettel geschrieben, stärker in Richtung in Brüssel und Berlin zu funken, wie wichtig eine wettbewerbsfähige europäische Halbleiterindustrie ist, nicht „weil es nice to have ist, sondern eine Grundvoraussetzung für die technologische Überlebensfähigkeit unseres Kontinents“, zieht der Politiker ein Fazit seiner ersten Reisestation. Denn von der Versicherungsbranche bis zum Windradbauer oder Automobilhersteller geht nichts mehr ohne Chips. Gemeinsam mit den Belgiern und Franzosen will sich Sachsen dafür einsetzen, dass es über die nächsten europäischen Chipgesetze, den EU Chips Act 2.0, auch möglich sein soll, Ländergrenzen überschreitende Projekte stärker zu fördern. Dazu dürfte man jedoch nicht länger auf unterschiedlichen Bürokorridoren in Brüssel unterwegs sein, sondern muss sich stärker abstimmen, um mit einer Stimme gegenüber den EU-Beamten aufzutreten. Auch dazu diente der Besuch in Grenoble.


