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Schon 15 Prozent weniger Passagiere: Warum Leipzig/Halle und Dresden 2026 noch tiefer fallen

Turkish Airlines hat Leipzig verlassen, Airlines wie Ryanair planen gerade keine Rückkehr. Und die Passagierzahlen in Leipzig/Halle und Dresden sind 2026 schon um bis zu 15 Prozent eingebrochen. Für dieses Jahr könnte es erst der Anfang gewesen sein.

Lesedauer: 4 Minuten

Ein Ferienflieger beim Tankvorgang am Flughafen Leipzig/Halle: Die mitteldeutschen Flughäfen erwarten in diesem Jahr einen deutlichen Passagiereinbruch. Das hängt auch mit den Folgen des Iran-Kriegs zusammen. Quelle: Michael Strohmeyer

Florian Reinke

Leipzig/Dresden. „Ihr Turkish-Airlines-Flug nach Istanbul ist zum Einsteigen bereit.“ Anfang Mai hallte die Ansage vorerst zum letzten Mal durch den Leipziger Flughafen. Turkish Airlines hat sich vom Airport in Schkeuditz zurückgezogen, und so zeichnet sich immer deutlicher ab: Das Angebot an den Flughäfen Leipzig/Halle und Dresden dürfte auch in diesem Jahr keinen großen Sprung nach vorn machen.

Im Gegenteil: Die Passagierzahlen sind im Sinkflug. Jetzt liegen erste Zahlen für 2026 und Prognosen vor. Sie geben Aufschluss darüber, worauf sich Reisende einstellen sollten.

Wie viele Passagiere fliegen 2026 noch – und wohin geht der Trend?

In den ersten Monaten des Jahres sind die Passagierzahlen drastisch eingebrochen. Von Januar bis März fertigte Leipzig/Halle rund 270.000 Passagiere ab – 15,1 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Dresden zählte rund 118.000 Fluggäste: ein Minus von 14,2 Prozent. Das zeigen aktuelle Daten des Flughafenverbands ADV.

Reisende checken am Flughafen Leipzig/Halle ein: Die Branche ist im Krisenmodus – das hat Folgen für Sachsen.
Reisende checken am Flughafen Leipzig/Halle ein: Die Branche ist im Krisenmodus – das hat Folgen für Sachsen.
Quelle: Michael Strohmeyer

Für das Gesamtjahr 2026 hatte das Management zuletzt mit 2,04 Millionen Passagieren in Leipzig/Halle und 0,85 Millionen in Dresden geplant – rund fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Doch nach den jüngsten Marktverwerfungen geht die Flughafen-Holding nun davon aus, dass die tatsächlichen Verkehrszahlen nochmals deutlich darunter liegen werden.

Auch im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie klafft eine große Lücke. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft prognostiziert für Leipzig/Halle über die nächsten Monate ein Sitzplatzangebot von lediglich 69 Prozent des Vor-Corona-Niveaus – bei einem Rückgang von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bundesweit liegt die Erholung bei 93 Prozent des Vorkrisenniveaus.

Warum geht es weiter bergab?

Die Ursachen überlagern sich – und verstärken einander. Den Grundstock legt ein Sommerflugplan, der bereits vor dem Turkish-Airlines-Rückzug ausgedünnt war. In Dresden stehen 13 Ziele auf dem Programm, in Leipzig/Halle 21 und damit acht weniger.

Jetzt verschärft der Nahostkrieg die Lage. Branchenvertreter warnen vor steigenden Kerosinkosten und möglichen Engpässen. Sollten Airlines Flüge streichen, dürften sie zuerst schwächer ausgelastete Verbindungen kappen. Kleinere Flughäfen wären dabei strukturell anfälliger als große Drehkreuze. Genau so offenbarte es sich bei Turkish Airlines: Die Airline hatte den Rückzug aus Sachsen mit hohen Kerosinkosten begründet.

Maschine der Turkish Airlines in Leipzig/Halle: Die türkische Fluggesellschaft hat sich vom Flughafen zurückgezogen.
Maschine der Turkish Airlines in Leipzig/Halle: Die türkische Fluggesellschaft hat sich vom Flughafen zurückgezogen.
Quelle: Michael Strohmeyer

Laut Flughafensprecher Uwe Schuhart lässt sich der erwartete Einbruch nicht nur mit dem Rückzug erklären. Hier spiegelten sich auch die langfristigen Planungen der Airlines und die globalen Krisen wider. Zudem beklagt die Branche weiterhin zu hohe Standortkosten und sorgt sich um die Reiselust der Menschen.

Angesichts der volatilen geopolitischen Lage seien „weitere Anpassungen durch Airlines nicht auszuschließen“. Möglich also, dass weitere Airlines Flüge streichen. Nach Informationen dieser Zeitung gibt es derzeit aber noch keine weiteren Einschnitte.

Turkish Airlines hat Leipzig verlassen – was bedeutet das für Reisende?

Thomas K. – seinen Nachnamen nennt er aus beruflichen Gründen nicht – nutzte die Verbindung mehrfach im Jahr. „Gerade Richtung Asien war Turkish Airlines für mich immer sehr praktisch und bequem“, sagt er. Auch im Herbst wollte er ab Leipzig/Halle fliegen. Jetzt muss er auf Berlin ausweichen.

Istanbul ist für viele nicht immer das Endziel, sondern auch eine Durchgangsstation. Volker Bremer, Geschäftsführer der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, betont, der Verlust der Airline sei „sehr hart“.

Fluggäste vor dem Abflug ab Sachsen: Sachsens Airports dürften auch in diesem Jahr Passagiere verlieren.
Fluggäste vor dem Abflug ab Sachsen: Sachsens Airports dürften auch in diesem Jahr Passagiere verlieren.
Quelle: Jan Woitas/dpa

„Der Flughafen Istanbul hatte sich zu einem der wichtigsten Drehkreuze für Verbindungen in den arabischen und asiatischen Raum entwickelt. Um Touristen und Geschäftsreisenden – insbesondere auch Kongress- und Messebesuchern – eine schnelle Verbindung nach Leipzig anbieten zu können, war die Verbindung essenziell.“

Mit Turkish Airlines fällt zudem ein Anbieter weg, der preislich oft unter dem Niveau der deutschen Netzwerk-Airlines lag. Wer von Leipzig/Halle aus ein Drehkreuz anfliegen will, ist künftig auf den Lufthansa-Konzern angewiesen. Weniger Wettbewerb könnte zu höheren Preisen führen.

Welche Verbindungen bleiben ab Leipzig/Halle und Dresden?

An wichtige Drehkreuze ist Leipzig/Halle weiterhin angebunden. Lufthansa fliegt mehrmals täglich nach Frankfurt. Austrian Airlines verbindet den Airport mit Wien. Sonst bleiben Urlaubsziele wie Ägypten, Griechenland, Spanien und die Türkei.

Dresden ist bei den Geschäftsreiseverkehren breiter aufgestellt: Die Landeshauptstadt hält die Anbindung an vier Drehkreuze – Frankfurt, München, Düsseldorf und Zürich. Ergänzt wird das Angebot um klassische touristische Ziele. Die Auswahl ist aber geringer als in Leipzig.

Die MFAG hat gerade erstmals Gewinn gemeldet – wie passt das zu sinkenden Passagierzahlen?

Die Mitteldeutsche Flughafen AG (MFAG) verzeichnete 2025 erstmals einen Jahresüberschuss von 10,5 Millionen Euro. Der Umsatz stieg um 8,2 Prozent auf 201,5 Millionen Euro, obwohl 2,5 Prozent weniger Menschen als im Vorjahr flogen. Das ist aber nur ein scheinbarer Widerspruch.

Einen wichtigen Beitrag liefert der Frachtvertrag mit DHL – verlängert bis 2053, nun zu neuen Konditionen. Fracht läuft unabhängig vom Passagiergeschäft. Hinzu kommen höhere Erlöse aus dem Luftverkehr selbst sowie gestiegene Parkgebühren und bessere Einnahmen aus Vermietung und Services.

Wann wird es wieder besser – oder ist das die neue Normalität?

Die ehrliche Antwort: Kurzfristig nicht. Angesichts der hohen Kerosinkosten und der unsicheren Versorgungslage sparen Airlines gerade, wo es geht. Auf eine Rückkehr der Billigflieger sollte derzeit ebenfalls niemand zählen: Ob Ryanair oder EasyJet – beide erklärten jüngst gegenüber dieser Zeitung, dass es derzeit keine konkreten Pläne für Sachsen gebe.

Das trifft die Wirtschaft. Industrie, Mittelständler, Logistiker und Forschungseinrichtungen seien auf eine verlässliche Anbindung an internationale Märkte und Drehkreuze angewiesen, betont Fabian Magerl, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig. Der Rückgang schwäche die Attraktivität des Standorts im Wettbewerb mit besser angebundenen Regionen. Er sieht die Gefahr einer negativen Spirale: „Weniger Verbindungen führen zu sinkender Nachfrage, was wiederum weitere Angebotskürzungen nach sich ziehen kann.“

Der IHK-Chef beobachtet, dass Unternehmen bereits auf andere Flughäfen ausweichen – Berlin, München, Frankfurt oder Prag. Dies sei aber kein gleichwertiger Ersatz.

Besser werden kann es – theoretisch. Turkish Airlines immerhin schließt eine Rückkehr nach Leipzig/Halle nicht aus, sobald sich die geopolitische Lage dreht. Doch genau das liegt nicht in sächsischer Hand.

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