Von Ulrich Milde
Leipzig. Die Zuordnung erscheint nicht zufällig. Das Referat Digitale Stadt gehört zum Dezernat von Leipzigs Wirtschaftsbürgermeister Clemens Schülke. Schließlich geht es darum, die Potenziale der Digitalisierung für eine nachhaltige, bürger- und klimafreundliche sowie am Gemeinwohl orientierte Entwicklung der Großstadt zu heben. Und bei diesem Weg hin zu einer Smart City können die Unternehmen nicht außen vor bleiben. Dazu schreibt das von Beate Ginzel geleitete Referat regelmäßig kleine Projekte zur digitalen Lösung von städtischen Herausforderungen aus. Etablierte Betriebe, aber auch Gründer, Start-ups und Studierende können sich um diese „Smart City Challenge“ bewerben, der Zuschlag ist mit 25.000 Euro dotiert. „Damit stärken wir die lokale Innovationskraft“, sagt Ginzel. Seit 2021 gab es bereits 19 dieser Wettbewerbe. Derzeit geht es unter anderem darum, einen mit Künstlicher Intelligenz gestützten Fördermittelnachweis zu entwickeln – für eine schnellere und unbürokratischere Abwicklung.
Ein weiteres Beispiel: Im Juni begeht die Großsiedlung Leipzig-Grünau den 50. Jahrestag ihrer Grundsteinlegung. Im größten Plattenbaugebiet Sachsens wohnen 48.000 Menschen. Im Rahmen einer Veranstaltung ist auch das Referat dabei und präsentiert ein Start-up aus dem Bereich der Virtuell Reality. Es wird ein neues Verfahren zur einfacheren Handhabung dieser Methode zeigen. Diese junge Firma erhalte vor Ort „ein Nutzerfeedback“, streicht Teamleiterin Nadja Riedel aus dem städtischen Referat hervor. Und wenn der Probelauf gelinge, könne das eine gute Referenz werden.
Ziel ist das digitale Rathaus
Im Kern geht es bei der Smart City darum, mit der Digitalisierung den Alltag für Unternehmen und Bürger intelligenter, effizienter und zukunftssicher zu gestalten. Das betrifft nahezu alle Lebensbereiche, vom Wohnen über Energie und Umwelt, von der Mobilität über die Wirtschaft bis hin zur Stadtgesellschaft. Dabei ist Leipzig offenkundig schon recht weit vorangekommen So gehört die Kommune laut dem Ranking für 2025 des Branchenverbandes der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche (Bitkom) zu den zehn fortschrittlichsten Großstädten im Bereich Digitalisierung. Von den 83 untersuchten Kommunen über 100.000 Einwohner landete die Stadt auf Platz 9 des „Smart City Index“, das Jahr zuvor war es noch Rang 23. Das bestätige „die Dynamik, mit der Leipzig seine digitale Transformation vorantreibt und zeigt, wie viel Potenzial in der Verbindung von Innovation, Nachhaltigkeit und Gemeinsinn steckt“, kommentiert Ginzel. Für den Index werden Digitalisierungsbestrebungen in Verwaltung, Mobilität, IT und Kommunikation, Gesellschaft und Bildung sowie Energie und Umwelt erfasst und gewichtet.
Das Referat von Ginzel, einer promovierten Architektin, betreut eine ganze Reihe von Vorhaben. Dazu sind digitale Zwillinge im Einsatz. Dabei handelt es sich um mehr als ein digitales Abbild der Stadt. Der Zwilling umfasst Daten zu verschiedenen Themen, oftmals gespeist von in Echtzeit sendenden Sensoren. Idealerweise bildet er also eine veränderliche Umgebung ab. „Niemand muss mehr Excel-Tabellen durch die Gegend schicken“, so die Referatsleiterin.
Vorteil der Zwillinge: Die Interessenten, etwa aus den örtlichen Betrieben, können schneller die Konsequenzen, aber auch Chancen aus der kommunalen Planung erkennen. Konkret etwa werden Auswirkungen energetischer Gebäudesanierungen in einem Quartier dargestellt. „Digitalisierung ist für uns nicht nur ein Werkzeug, sondern ein grundlegender Bestandteil moderner Stadtentwicklung“, sagt Sven Schwarzat, Geschäftsführer der Schwarzat Capital GmbH, einem Immobilienentwickler mit Sitz in Leipzig, der sich auf nachhaltige und digital gesteuerte Wohnprojekte spezialisiert hat. Sensoren sind auch auf den Fahrzeugen der Stadtreinigung installiert.
Daten zur aktuellen Verkehrslage werden so direkt übermittelt. Mittelfristig soll dadurch eine Ampelschaltung erreicht werden, die den Verkehr flüssig und möglichst staufrei organisiert. „Digitalisierung ist der Schlüssel für mehr Nachhaltigkeit in Städten“, meint Oliver Rottmann.
Eine App, mit der jeder bequem zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln wechseln könne, eine Software, die den Verkehrsfluss auf überfüllten Straßen in Echtzeit steuere oder eine intelligente Straßenbeleuchtung könnten helfen, Ressourcen zu schonen und die Lebensqualität zu erhöhen, so der promovierte Volkswirt, der an der Universität Leipzig lehrt und forscht.
Auch der Ausbau von kostenlosem WLAN an öffentlichen Plätzen geht auf das Referatskonto. Gegenwärtig sind 26 Stellen in Betrieb, weitere sind vorgesehen, etwa am neuen Stadthafen, in der Baumwollspinnerei und am Störmthaler See. „Das stärkt den Tourismus- und Wirtschaftsstandort“, begründet Ginzel. Beabsichtigt ist nun, diese Infrastruktur so zu sichern, dass sie auch bei Blackouts funktioniert. Die Verfügbarkeit von 5G wurde durch neue Standorte auf städtischen Gebäuden erhöht.
5G ist die fünfte Generation des Mobilfunks und für deutlich höhere Geschwindigkeiten konzipiert als die Vorgänger. Das Leipziger BMW-Werk nutzt diese Technologie. Die Beschäftigte werden von autonom fahrenden Fahrzeugen unterstützt, die Tausende Werkzeuge und Ersatzteile im Minutentakt über das Werksgelände transportieren. Um diese Prozesse zu optimieren, bedarf es einer hochpräzisen Positionierung aller Geräte, Fahrzeuge und Maschinen. Sie können in Echtzeit zentimetergenau geortet werden.
Für immer mehr Einwohner wichtig wird die Leipzig-App. „Ziel ist der Ausbau zu einem digitalen Rathaus“, betont Ginzel. Inzwischen haben 50.000 Bürgerinnen und Bürger diese App auf ihrem Handy. Sie bietet unter anderem neben Nachrichten Veranstaltungshinweise und Mitwirkungsangebote in den Stadtteilen. Wohngeld und Führerschein können digital beantragt werden, Unterhaltsvorschuss und Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung sind hinzugekommen. Zur Verankerung der Digitalisierung in der Bevölkerung wird ehrenamtliche Tätigkeit gefördert. Die Volkshochschule bietet kostenlose Kurse an, Workshops im Smart City Lab runden das ab. Zudem werden Senioren als Technik-Botschafter ausgebildet.
Ginzels Truppe („Wir sind eine Querschnittseinheit, machen alles immer zusammen mit vielen Fachämtern“) sitzt seit zwei Jahren in der Magazingasse im ehemaligen Elektrizitätswerk. In diesem „Smart City Lab“ können sich die Bürgerinnen und Bürger sich über die aktuellen Projekte informieren. Also ein öffentlicher Raum, „in dem gemeinsam mit Bürgern, Wissenschaft und Wirtschaft neue Ideen entstehen“, wie es Schülke formuliert. Derzeit beschäftigen sich im Referat 21 Mitarbeitende mit der Digitalisierung. Die Projekte werden maßgeblich von der EU und dem Bund gefördert. In den vergangenen sechs Jahren sind aus diesen Töpfen 21 Millionen Euro nach Leipzig geflossen


