Dresden. Die Nachricht hat aufhorchen lassen. Weil die Erhöhung des Rundfunkbeitrags bislang ausgeblieben ist, verschärft der MDR seinen Sparkurs. Drei Jahre lang werden keine Folgen mehr des Dresden-Tatorts sowie des Magdeburger Polizeirufs produziert. Die Formate zeigen ostdeutsche Lebenswirklichkeit.
Sie sind mit beliebten Schauspielern wie Martin Brambach und Claudia Michelsen besetzt. Die Kritik von Produzenten, Darstellern, aber auch Touristikern aus der Region war deutlich. Eines der Argumente gegen die Kürzung: TV-Produktionen bringen Geld in die Region und schaffen Arbeitsplätze.
Was kostet ein Tatort?
Der MDR veröffentlicht jährlich einen Produzentenbericht über vergebene Programmaufträge. Der aktuelle für 2024 nennt die Durchschnittskosten für einen Tatort. Pro Sendeminute werden 23.311 Euro fällig. Eine Folge dauert 90 Minuten.
Also kostet ein Tatort rund zwei Millionen Euro. Zum Vergleich: Eine Minute der im Kinderkanal Kika ausgestrahlten Serie Schloss Einstein kostet rund 7300 Euro. Eine Minute des MDR-Erfinderformats Einfach genial verursacht Kosten von rund 1800 Euro.
Was bleibt davon in der Region?
Eine exakte Aufschlüsselung ist schwierig. Die Produzentin des Dresdner Tatorts, Nanni Erben, gibt einen Einblick: „Bei einem Dresden-Tatort sind etwa 25 Dienstleister und etwa 40 Schauspielerinnen und Schauspieler in der Region beschäftigt.“
Zu den Dienstleistern zählen unter anderem Komparsenagenturen, Caterer, Maskenbildner und Unternehmen, die Straßensperrungen für Außendrehs beschildern. Schätzungen gehen davon aus, dass etwas mehr als die Hälfte des Budgets am Drehort bleibt – also mehr als eine Million Euro pro Folge. Davon profitieren unter anderem Hotels, aber eben auch Handwerker, die Kulissen bauen.
Wie viele Jobs sind betroffen?
Die Produktionsallianz, eine Interessenvertretung der Film- und Fernsehbranche, warnt vor dem „Abbau von Produktionsstrukturen“ in Mitteldeutschland und dem „dauerhaften Verlust Tausender Arbeitsplätze“. Das dürfte drastisch formuliert sein. Eine vierstellige Zahl von Beschäftigten könnte zustande kommen, wenn man von insgesamt vier Tatort- und Polizeirufproduktionen des MDR im Jahr ausgeht.
Unstrittig ist: Produzenten und Dienstleistern brechen Aufträge, die im Kern vom MDR kommen, weg. Mit Folgen: „Eine Produktion hat einen Vorlauf von einem Jahr. Jetzt besteht die Gefahr, dass bei den Dienstleistern Beschäftigte abwandern und sich etwas anderes suchen“, sagt Nanni Erben.
Was passiert mit den Schauspielern?
Nicht alle Darsteller bei den Tatort-Folgen wandeln regelmäßig über rote Teppiche und werden oft gebucht. Letztlich müssen sich Stars wie weniger bekannte Schauspieler bei einer dreijährigen Drehpause „um andere Projekte bemühen, um wie alle Menschen unsere Miete zu zahlen“, betont Martin Brambach.
Er zählt als knurriger Kommissar Schnabel zu den Publikumslieblingen des Dresden-Tatorts. 40 Darstellerinnen und Darsteller pro Folge, von denen die meisten freischaffend sind – ein Tatort gibt etlichen von ihnen finanzielle Stabilität.
Können die Kürzungen abgewendet werden?
Die vor drei Wochen verkündete Drei-Jahres-Pause kam für die Produzenten überraschend, wie Nanni Erben und Gunnar Juncken sagen. Sie führen die Geschäfte der Produktionsfirma Made for Film, die den Dresden-Tatort herstellt.
„Wir hätten sehr gern die Herausforderung angenommen, gemeinsam über Kostenersparnisse nachzudenken“, sagt Juncken. Das sei in den vergangenen Jahren auch gelungen. Juncken fügt hinzu, dass er den Spardruck beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk verstehe. Doch sehe sich das Unternehmen auch „als Teil dieses gemeinsamen Ökosystems“.
Seine Kollegin Henriette Lippold vom Produktionsunternehmen Ufa Mitte, das die Ausschreibung für den Magdeburger Polizeiruf gewann, zeigt ebenfalls Verständnis für den Sparkurs. „Wir sind deshalb auch mit dem MDR in Gesprächen“, sagt sie und hofft auf eine raschere Fortsetzung der Krimiserie. Vieles hängt davon ab, wie das Bundesverfassungsgericht in der Streitfrage Rundfunkbeitrag entscheidet. Wann ein Urteil fällt, ist noch unklar.
SZ


