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Vom Geflüchteten zum Fachlageristen: Die steinige Integration von Ahmed Al-Gburi

Ahmed Al-Gburi kam 2015 mit dem großen Flüchtlingsstrom nach Sachsen. Der Weg in den Job war nicht einfach. Warum, erzählen der Iraker und seine Dresdner Chefin Jana Felber.

Lesedauer: 4 Minuten

"Sie sind eine Familie für mich", sagt Ahmed Al-Gburi über das Team von Chefin Jana Felber. © SZ/Veit Hengst

Von Luisa Zenker

Ahmed Al-Gburi schiebt die Kisten mit dem Orangensaft beiseite. In der nächsten Stunde will er die Getränke an einen Dresdner Laden ausliefern. Jetzt aber macht er sich noch einen Kaffee und setzt sich neben seine Chefin Jana Felber. Ahmed Al-Gburi, schwarzes Hemd, blaue Jeans ist 2015 aus dem Irak nach Deutschland geflohen, er kam während der sogenannten Flüchtlingskrise nach Sachsen. „Wegen des Bürgerkriegs“, erklärt Ahmend. Nun gehört zu den 64 Prozent der Geflüchteten, die seit 2015 eine Arbeit gefunden haben. Doch der Weg war steinig – für den Iraker und das Dresdner Unternehmen Faire.

Man kann es als glücklichen Zufall bezeichnen, als Ahmed den Kontakt zu Jana Felber weitergeleitet bekommt. Zu der Zeit wohnt er in einer Massenunterkunft in Freiberg und lernt Deutsch. Am Ende einer Unterrichtsstunde schreibt die Lehrerin eine Telefonnummer an die Tafel. Wer einen Job suche, könne sich dort melden, erinnert sich Ahmed an ihre Worte. Er ruft bei dem Dresdner Unternehmen an, und darf für ein einwöchiges Praktikum vorbei schnuppern. „Ich war sehr aufgeregt“, erinnert er sich.

Dort begegnet er dann der Chefin Jana Felber. Sie leitet gemeinsam mit Grit Boskovicden den Großhandel „Faire“ mit 12 Mitarbeitenden in Dresden. Er beliefert Biomärkte und Weltläden in ganz Ostdeutschland. Zu der Zeit sucht sie vergeblich nach Lagerhelfern. Als sie und ihr Team den Praktikanten Ahmed einarbeiten, entscheiden sie schnell, dass er eine Ausbildung in dem Unternehmen zum Fachlageristen absolvieren soll. Ein Schritt, der noch über viele Paragrafen stolpern wird.

Der Teufelskreis zwischen Ausbildungsvertrag und Arbeitserlaubnis

Denn gleichzeitig wartet Ahmed auf seinen Asylbescheid, eine Arbeitserlaubnis hat er nicht. Um diese zu kriegen, muss er beim Bundesamt für Migration einen Ausbildungsvertrag vorzeigen, erklärt Chefin Jana Felber. Für die Vertragsunterzeichnung hätte er aber eine Arbeitserlaubnis haben müssen. „Das ist ein Teufelskreis. Einer muss den ersten Schritt gehen, aber man macht sich damit strafbar“, erinnert sie sich an die Entscheidung. Das Risiko geht auf, im Herbst 2017 kann Ahmed die zweijährige Ausbildung beginnen.

Es könnte ab jetzt alles glattlaufen, doch die Steine sind größer, als es Jana Felber gedacht hätte: Mit Beginn der Ausbildung pendelt Ahmed Al-Gburi jeden Tag von Freiberg in den Dresdner Norden. Die Bürokratie zwingt ihn dazu, den Wohnort darf er nicht wechseln.

„Diese Wohnung ist nicht für unsere neu eingewanderten Bürger zu vergeben.“

Wieder greift Jana Felber zum Telefon, ihre Kollegen schreiben Briefe an die Ausländerbehörden. Alles nach der Schicht. „Das ist eine Zumutung fürs Unternehmen. Ich wünsche mir mehr Flexibilität und Zusammenarbeit mit den Behörden“. Vieles liege im Ermessen von Einzelpersonen. Nach ein paar Monaten darf Ahmed nach Dresden in eine Flüchtlingsunterkunft ziehen. Teilt sich ein zehn Quadratmeterzimmer mit einem Fremden; nachts ist es laut in dem Heim. Seine Kollegen versuchen ihm deshalb, ein eigenes Apartment zu besorgen. Von großen Wohnungsunternehmen kriegen sie ablehnende Antworten, erinnert sich Felber und zitiert: „Diese Wohnung ist nicht für unsere neu eingewanderten Bürger zu vergeben.“ Das Team vom Großhandel gibt nicht auf. „Meine Kollegen haben den Menschen gesehen, dann setzt man sich für private Belange ein.“ Am Ende trägt Jana Felber mit ihren Mitarbeitern an einem Wochenende die Kartons in Ahmeds neue Wohnung. „Die meisten Geflüchteten kommen hierher und haben niemanden, wer soll ihnen sonst die Möbel tragen?“, fragt Felber.

Die Ausbildungszeit bleibt steinig, mehrfach hat der Großhandel mit dem Ausländeramt zu tun. Sein Asylbescheid wird abgelehnt. Alle sechs Monate muss Ahmed deshalb seinen Aufenthaltsstatus verlängern. „Das fehlt an Arbeitszeit“, erinnert sich Jana Felber mit einem leichten Stöhnen. Ahmed gehört zu den 23.500 geflüchteten Menschen, die laut Arbeitsagentur aktuell in Sachsen arbeiten. Das sind 3.500 mehr als vor einem Jahr und damit knapp 38 Prozent aller erwerbsfähigen Geflüchteten in Sachsen.“Damit die Integration von Geflüchteten in Arbeit gelingt, braucht es Landeplätze“, sagt Michaela Ungethüm, Geschäftsführerin der Regionaldirektzion Sachsen. Damit meint sie Betriebe, die Geflüchtete einstellen, auch wenn sie nur über wenig Deutschkenntnisse verfügen.

Unternehmen vernetzen sich für die Integration

Dass Integration mehr bedeutet, als ein Willkommensschild aufzustellen, hat die Deutsche Industrie- und Handelskammer bereits 2016 erkannt. Zu der Zeit gründete sie mit dem Wirtschaftsministerium das Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“. Das Ziel: Probleme der Integration dürfen nicht verschwiegen, sondern müssen aktiv angepackt werden. Innerhalb des Netzwerks sollen sich die Betriebe deshalb über Herausforderungen austauschen sowie beraten lassen. Mehr als 3.900 Betriebe sind darin aktiv, von Friseuren über Hotels bis hin zu Schreinereien. Auch die Dresdner Chefin ist dem Netzwerk vor etwa zwei Jahren beigetreten. „Hätte ich das alles schon vorher gewusst, und mich dort beraten lassen, wäre es sicherlich viel leichter gewesen.“

Jährlich fragt die Organisation seine Mitglieds-Unternehmen, welche Steine für eine erfolgreiche Integration den Weg erschweren.“Zu den Hauptproblemen gehört die behördliche Belastung“, fasst Projektleiterin Marlene Thiele vom Netzwerk zusammen. „Es bedeutet Mehrarbeit, Geflüchtete bei sich arbeiten zu lassen, aber viele Betriebe sind glücklich, die Stellen zu besetzen.“ Die Unternehmen wissen oftmals nicht, wie lange die Geflüchteten bleiben dürfen. Auch der Fachlagerist Ahmed muss am Ende des Jahres wieder zur Behörde. Die Chance stehen gut für ein Niederlassungssrecht. Dann wolle er seine Frau nachholen, erzählt er und blickt sich im Lager um. Schokoladentafeln reihen sich dort aneinander. Das Siegel „Fairtrade“ prangt auf den Verpackungen. Ahmed kannte das Label, bevor er hier angefangen hat, nicht. Mittlerweile ist es ein fester Bestandteil in seinem Alltag. Neben der Organisation der Lieferungen, bildet Ahmed selbst Azubis aus. Manche von ihnen teilen eine ähnliche Fluchtgeschichte. Ahmed kann dann helfen, nicht nur auf Arabisch sondern auch mit den vielen Paragrafen.

„Er ist ein Sprachtalent, sehr fleißig“, sagt Jana Felber an diesem Tag mehrmals über ihn. Dennoch gibt sie zu: Anfangs habe es sprachliche Probleme gegeben. Ahmed habe zu Beginn der Ausbildung in den Teamrunden nicht viel gesagt. Erst dachte Jana Felber, es sei Desinteresse, aber er sei einfach scheu gewesen, habe Angst gehabt, das falsche Wort zu benutzen. Auch andere Unternehmen im Netzwerk nennen die Sprachbarriere als herausfordernd. Deswegen findet Ahmed das System gut: erst Sprachkurs, dann Arbeit. „Die Mitarbeiter haben auch keine Zeit, die Begriffe beizubringen“, sagt Jana Felber. Ahmed fügt hinzu: „Die Prüfsprache ist zu kompliziert.“ Seine Chefin nickt: „Doppelte Verneinung – das ist schwierig für Nicht-Deutsche in den Prüfungen.“ Gehe es doch um die fachliche Kompetenz.

Andere Höflichkeitsformen oder der Respekt vor Frauen

Neben Sprache und Bürokratie berichten die Unternehmen im Netzwerk unter anderem auch von der Herausforderung der kulturellen Unterschiede. Seien das andere Höflichkeitsformen oder der Respekt vor Frauen als Vorgesetzten. Hieraus habe man aber gelernt, sagt Marlene Thiele. Werden weibliche Führungskräfte direkt ins Bewerbungsgespräch gesetzt, könne das schnell geklärt werden. Chefin Felber hatte solche Probleme nicht.

Im vergangenen Jahr ist das Netzwerk in Ostdeutschland stark gewachsen, 120 sächsische Unternehmen sind darin mittlerweile aktiv. Im vergleichbaren Rheinland-Pfalz sind es doppelt so viele. Die Dresdnerin Jana Felber ist die einzige Unternehmerin, die sich sofort bereit erklärt hat, mit der Sächsischen Zeitung zu sprechen. Warum, darüber können die Verantwortlichen des Netzwerks nur spekulieren. Was sie dennoch wissen: 76 Prozent der Mitgliedsunternehmen nehmen Geflüchtete nicht nur wegen des Fachkräftemangels auf, sondern auch aus sozialer Verantwortung.

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