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Vom Loch im Ei zur Stadtwerkstatt

In Bautzen hat Kati Schmidt einen Laden für Kreative geschaffen. Dort ist sie auch selbst mit filigranen Kunstwerken präsent. Und mit Zahnarzttechnik.

Lesedauer: 4 Minuten

Eine Frau sitzt in ihrem Atelier auf einem Stuhl
Kati Schmidt ist auf vielfältige Weise kreativ. In der Bautzener Stadtwerkstatt ist das in jeder Ecke sichtbar. Doch nicht nur ihre eigenen Arbeiten stehen im Mittelpunkt. Auch andere Künstlerinnen und Künstler sind hier präsent. Foto: Thomas Kretschel

Von Irmela Hennig

Bautzen. Hühner hält Kati Schmidt bislang nicht. „Vielleicht – wenn ich mal auf’s Land ziehe“, überlegt die 46-Jährige. Doch ihr jetziges Zuhause in der Bautzener Altstadt wäre für das Federvieh denkbar schlecht geeignet. Zu wenig Platz, zu laut, zu nah die Nachbarn.
Die Eier, welche die Zweibeiner legen würden, könnte Kati Schmidt allerdings gut gebrauchen. Nicht nur des Inhalts wegen. Die Wahl-Bautzenerin nutzt vor allem das Äußere. Die Eihülle. Sie macht daraus kleine Kunstwerke, verkauft sie unter ihrem eigens gegründeten Label „Ei-der-Daus“. Viele davon in der von ihr und ihrem Lebensgefährten Mario Krautschick initiierten Bautzener Stadtwerkstatt.
Die wurde 2024 eröffnet in einer ehemaligen Anlaufstelle für Migranten in der Bautzener Steinstraße. Kati Schmidt und Mario Krautschick haben hier erst mal ordentlich renoviert und renovieren lassen. Es wurde gemalert, eine kleine Küche eingebaut. Regale und Schränke aufgestellt, ein großer Tisch und Stühle für Workshops angeschafft. Außerdem gibt es einen Arbeitsplatz für Kati Schmidt. Immer donnerstags lässt sie sich dort von Neugierigen beim Werkeln – nun nicht über die Schulter schauen. Aber von vorn auf die Hände gucken – auf die vor allem komme es an. „Vom Handgefühl“, spricht Kati Schmidt denn auch. Das habe sie sich in ihrem ursprünglichen Beruf als Zahnarzthelferin und dabei konkret in der Prophylaxe angeeignet.
Nun „zweckentfremdet“ sie zahntechnische Bohrwerkzeuge. Sie fräst damit Löcher in Eierschalen. So entstehen beispielsweise Spiralen, Linien, Blumen, Namen oder Zahlen.
Auf’s Ei kam Kati Schmidt nach dem Umzug von Berlin nach Bautzen. In der Bundeshauptstadt hatte die in Radebeul geborene und in Ottendorf-Okrilla aufgewachsene Frau, einige Jahre lang gelebt. Angekommen in der „Osterhauptstadt“ Bautzen war da der Gedanke: „Hier macht jeder was mit Eiern, das wirst du wohl auch hinkriegen“, so Kati Schmidt. Eine Anspielung auf die aufwendig verzierten sorbischen Ostereier, die in Bautzen und der Lausitz entstehen.

Eigene Spülung entwickelt
Doch die Versuche mit klassischen Verfahren wie Wachsbatiktechnik seien „nicht so gut“ gelungen. Schließlich besann sich Kati Schmidt auf ihren Beruf und probierte, Muster in ausgeblasene Eier zu fräsen. Das klappte – nur anfangs eher schlecht. Erst seien Schalen zerbrochen. Als dafür Lösungen gefunden waren, störte die Eihaut im Inneren die Optik. Sie war durch die Löcher zu sehen. Hilfe gab es wieder über den Beruf. Kati Schmidt entwickelte nämlich ihre eigene Spülung, um die Haut aus dem Ei zu kriegen. Die Zusammensetzung des Mittels ist ihr Geheimnis. Nachahmer ihrer Fräs-Kunst gebe es inzwischen nämlich einige. Schließlich musste für die Aufhängung eine ansprechende Lösung gefunden werden – die Faden-ans-Streichholz-Variante fiel dafür aus. Nun dienen Spreizer, die auch bei Christbaumkugeln eingesetzt werden, als Halterung. In besonderer Weise angebracht, damit sie die Schale nicht sprengen. Und zusätzlich geschmückt mit Anhängern von Schmetterling bis, tatsächlich, Totenkopf.
Einige der Eier – das Stück ab 13,50 Euro – verkauft Kati Schmidt in Weiß. Es gibt Hühner-, Gänse- und auf Wunsch Straußeneier. Ein Teil des „Rohmaterials“ bekommt Kati Schmidt bereits geleert vom Floristikgroßhandel. Andere werden mit einer Art Pumpe ausgeblasen. Manche stattet Kati Schmidt mit LED-Beleuchtung aus. Viele gestaltet Mario Krautschick mit Airbrush-Technik farbig. In Gold, in Blau, Türkis, Schwarz. Oder auch in speziellen Farb-Kollektionen, die sich Kati Schmidt für jedes Jahr neu ausdenkt.
2017 begann Kati Schmidts Werdegang im Ei-Kunst-Business. Die Fertigung lief daheim. Die Patienten in der Zahnarztpraxis seien die ersten Kunden gewesen. Irgendwann sei die Kapazitätsgrenze der Wohnung erreicht worden. Also suchte das Duo Schmidt-Krautschick nach einem Laden. Und wurde fündig. Die Stadtwerkstatt entstand.
Die dient nun nicht nur den eigenen Kreationen. „Ich hatte von Anfang an den Gedanken, andere regionale Künstler und Handwerker mit reinzunehmen und zu präsentieren“, erzählt die Gründerin. Interessierte mieten dafür Regalflächen, bieten dort ihre Produkte zum Kauf an. Wer es zeitlich schaffe, übernehme Ladendienste. Zudem können Kunden einen angrenzenden Workshop-Raum samt Kurs und Künstler buchen und dort beispielsweise Kreativgeburtstage, Firmenfeiern, Mädelsabende verleben. Auch Kati Schmidt gibt ihre Kunst bei solchen Events weiter, lässt Teilnehmende von Kind bis Senior fräsen und schmücken.

Offen für weitere Interessierte
Das Werkstatt-Team bietet zudem fest terminierte Kurse und Veranstaltungen wie Lesungen an – unter anderem im Rahmen von Volksfesten.
„Die Künstler sind hier sichtbar“, sagt Kati Schmidt. Das sei ihr wichtig. Über ihren Regalen sind sie auf Fotos zu sehen, ihre Kontaktdaten und einige Infos finden sich auf der Webseite der Stadtwerkstatt. Und im Laden seien sie direkt ansprechbar.
Die Mitstreiter haben, wie Kati Schmidt, zumeist einen „Brotberuf“. Schmidt ist inzwischen als Außendienstlerin für ein Dental-Labor in Wilthen bei Bautzen tätig. Andere arbeiten beispielsweise in der IT, im Büro, im Garten- und Landschaftsbau, in einer Bibliothek, eine Mitwirkende studiert Medizin, andere seien Rentner. Derzeit gebe es zehn Regalmieter. Ihr Angebot reicht von Wein, Bier und Marmelade über Holzkunst bis hin zu Selbstgenähtem, Bildern, Büchern und einem Modell der Bautzener Stadt-Silhouette, unter anderem als Teelichthalter. Das Modell sei ein Riesenerfolg – wie Kati Schmidt erzählt. Hergestellt von einer Neugründung im Nebenerwerb namens Lichtmetta. Hinter dem stecken die Oberlausitzer Robin Henke und Laura Lange. Robin Henke sagte vor einer Weile: „Ohne die Stadtwerkstatt hätte ich Lichtmetta wohl nicht gestartet.“
Die Werkstatt selbst sei offen für weitere Interessierte. Platzmäßig hat eine Erweiterung in den hiesigen Räumen Grenzen. Doch prinzipiell kann sich Kati Schmidt vorstellen zu wachsen. Eine Möglichkeit wäre, Läden in anderen Städten zu etablieren – unter dem „Stadtwerkstatt“-Label. „Das forcieren wir aber noch nicht. So etwas muss man erstmal testen“, sagt Kati Schmidt.
Vor einigen Jahren hatte sie einen betriebswirtschaftlichen Abschluss in der Dentalbranche gemacht. Dabei sei Marketing ein Thema gewesen. Und so weiß die Wahl-Lausitzerin, auf welche Angebote man setzen kann. Darum arbeitet sie inzwischen beispielsweise mit Kaltporzellan. Gießt damit unter anderem kleine – teils später beleuchtete – Häuschen als Anhänger. Bietet dazu Kurse an. Und eröffnet in der Stadtwerkstatt bald Bautzens erste „Charm Bar“. Dort gibt es nicht etwa Cocktails von einer besonders netten Bedienung. „Charms“ sind Anhänger für Ketten, Armbänder und Ohrringe. „Bar-Besucher“ können – derzeit ein echter Trend – daraus in der Stadtwerkstatt Schmuck fertigen. Künftig immer donnerstags, 15 bis 17 Uhr, oder in Workshops nach Vereinbarung. Kati Schmidt folgt damit ihrer Erfahrung und der Devise: „Man darf nicht stehen bleiben. Es braucht immer was Neues.“

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