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Vorbild Hellerau: eine Gartenstadt für TSMC?

Fritz Straub, Geschäftsführer der Deutschen Werkstätten Hellerau, über die Gartenstadt der Zukunft, Hellerau als Modellsiedlung und die Verantwortung von Unternehmen.

Lesedauer: 4 Minuten

Ein Mann schaut in die Kamera.
"Lebensqualität vor Ort ist effektive Fachleute-Bindung!“, sagt Fritz Straub, Geschäftsführer der Deutschen Werkstätten Hellerau. Foto: Deutsche Werkstätten Hellerau

Dresden. Eine Straßenbahnhaltestelle hinter den Werkhallen von Infineon schlendert man auf dem Weg zu den Deutschen Werkstätten durch die schon Knospen tragenden Anlagen der Gartenstadt Hellerau. Hier empfängt Fritz Straub, der die Werkstätten seit 1992 als Geschäftsführer leitet, in einer historischen Maschinenhalle mit großen Fenstern. Der Blick fällt auf Holzhäuser der Gartenstadt, die von dem Unternehmen 1934 in innovativer Fertigbauweise gefertigt wurden. Heute baut das Unternehmen hauptsächlich große Jachten und Villen aus. Der für 450 Mitarbeiter verantwortliche Fritz Straub spricht energiegeladen und geschichtsbewusst über die Ideen und Zusammenhänge in Hellerau.


Herr Straub, wieso ließ Ihr Vorgänger als Leiter der Deutschen Werkstätten, Karl Schmidt, in Hellerau im Jahre 1909 eine Gartenstadt anlegen?
Karl Schmidt war ein Schreinermeister, der als Autodidakt eigenständig ein Unternehmen für Möbel- und Innenausbau aufgebaut hat. Seine innovative Denkweise merkt man schon daran, dass er bereits früh maschinelle Fertigungsweisen mit Handwerksarbeit verbunden hat. Er schreckte da nicht vor den technischen Neuerungen zurück. Sein Unternehmen hat er aber immer auch mit gesellschaftspolitischen Ambitionen verbunden. Aus seinen Lehrjahren in England kannte er das Modell der Gartenstadt, das ihn begeisterte. Nach der Jahrhundertwende wollte er sein Unternehmen vergrößern und gleichzeitig Reformideen demonstrieren. Angesichts der Industrialisierung und der Verslumung der Städte stellte sich die Frage, wie man in Zukunft menschenwürdig wohnen und arbeiten könnte. Und Hellerau war ein Experiment, in dem das ausprobiert wurde.

Was ist von diesen Ideen erhalten geblieben?
Das kapitalistische Spiel, das einem Unternehmen nur die Funktion zumisst, viel Geld zu verdienen, das machen wir nicht mit. Wir investieren alle Gewinne wieder in die Entwicklung des Unternehmens. Deshalb zahlen wir keine Dividende aus und auch ich als Gesellschafter bekomme ein ganz normales Geschäftsführergehalt wie meine anderen Kollegen der Geschäftsführung. Es geht hier also nicht ums Geld, sondern darum, Entwicklungen anzustoßen, die gute Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen garantieren.

Wie sehen die Verbindungen zur Gartenstadt konkret aus?
Wir verstehen uns als Bestandteil eines organischen Systems Hellerau. Wir haben sehr gute Kontakte zum Festspielhaus Hellerau, stehen in engem Austausch mit dem Bürgerschaftsverein, beteiligen uns an Kinderfesten, organisieren Konzerte und eine Galerie. Wir machen aber auch Dinge, mit denen ein Unternehmen eigentlich nichts am Hut hat: So sind wir zum Beispiel daran beteiligt, eine neues Wegeleitsystem in Hellerau aufzubauen, weil es uns einfach stört, wenn Menschen herkommen und sich nicht zurechtfinden. Und für die Zukunft ist schon klar: Ich als alleiniger Gesellschafter der Firma werde meine Gesellschaftsanteile in eine gemeinnützige Stiftung überführen, die wiederum die Entwicklung von Hellerau fördern soll!

Jetzt steht im Dresdner Norden eine massive Industrieansiedlung an, TSMC und Infineon werden neue Produktionshallen bauen, bis 2030 könnten 30.000 neue Arbeitsplätze entstehen – dafür wird Wohnraum benötigt: Könnte die Gartenstadt dafür als Modell fungieren?
Genau darüber denken wir gerade nach: Hier oben im Dresdner Norden, wo der neue Wohnraum entstehen soll, haben wir mit Hellerau einen tollen Gedanken aus der alten Welt! Teile des Bürgerschaftsvereines und Helleraus haben sich sogar schon darüber Gedanken gemacht, wie eine Gartenstadt der Zukunft aussehen könnte. Dafür müssen wir uns mit den historischen Ideen der Gartenstadt beschäftigen, das Modell auseinandernehmen und überlegen, welche Aspekte wir daraus gebrauchen können.

Was sind Ansätze der Gartenstadt, die Sie für zukunftsfähig halten?
Im Prinzip ist die Gartenstadt fast schon ein zwingendes Modell für die Zukunft: Wir sind mit dem Klimawandel konfrontiert, das heißt, wir brauchen Siedlungsformen, die darauf stadtplanerisch eingestellt sind. Das heißt, viele kühlende Grünflächen, erneuerbare Energien, einen nachhaltigen Wasserhaushalt und ganz wichtig: ökologisches Bauen. Es geht aber ebenso um gesellschaftliche Fragen: Wie kann durch das Siedlungsmodell eine soziale Gemeinschaft geschaffen werden? In der Gartenstadt sind mit den genossenschaftlichen Eigentumsmodellen und der genossenschaftlichen Verwaltung einige sehr verantwortungsbewusste Modelle schon ausprobiert worden. Die Gartenstadt an sich ist ein Zukunftsmodell. Einige Ideen und Ansätze müssen wir aber überdenken und anpassen. Die Gartenstadt der Zukunft muss kompakter gedacht werden, um Flächenversiegelung zu vermeiden.

Wenn jetzt der Chef von TSMC auf Sie zukäme: Wie würden Sie ihn überzeugen, dass TSMC die Idee einer Gartenstadt unterstützen sollte?
Wir sind in der Situation, dass weite Teile der Wirtschaft einen Facharbeitermangel haben. Wir brauchen Leute. Und Lebensqualität vor Ort ist effektive Fachleute-Bindung! Aber dazu kommt auch, dass Unternehmen mit einer Zukunftsvision, die also langfristig denken, mit sich selbst ins Gericht gehen müssen, welche Verantwortung sie tragen. In den letzten zwanzig Jahren haben wir eine sehr kapitalistische, nur auf Gewinn orientierte Wirtschaftswelt erlebt. Unternehmen haben beispielsweise massenhaft ihre Werkswohnungen verkauft, die nach dem Zweiten Weltkrieg für große Unternehmen noch eine Selbstverständlichkeit waren. Ich hoffe, dass wir jetzt langsam in ein Umdenken kommen, in dem es auch wieder um die Verantwortung für die Mitarbeiter geht.

Sie betonen die Verantwortung von Unternehmen sehr stark. An welchen Stellen wird diese bei Ihnen umgesetzt?
In den letzten Jahren haben wir daran gearbeitet, eine Ausbildungsakademie aufzubauen. In der schulen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die speziellen Aufgaben in unserem Unternehmen, wollen aber perspektivisch auch anderen Firmen Aus- und Weiterbildungen anbieten.
Außerdem merken wir gerade an unserem Standort in Moskau, wie stark wir auch in die internationale Politik eingebunden sind und deshalb verantwortlich handeln müssen.

Sie wollen Helleraus Bekanntheit und Zukunft fördern: Was für Projekte spielen für Sie derzeit eine Rolle?

Wir sind leider mit der Weltkulturerbe-Bewerbung vor Kurzem abgelehnt worden, aber werden das Projekt weiterhin verfolgen. Dazu gehört auch, Hellerau als wichtigen Bezugspunkt für Dresden und Sachsen bekannt zu machen. Und Hellerau wird auch bei der Bundesgartenschau 2033 eine Rolle spielen. In diesem Rahmen denken wir daran, ein bauliches Modellvorhaben auf den Weg zu bringen, das den Wohnbedarf im Dresdner Norden, die historische Gartenstadt und die Buga verknüpft. Seit zehn Jahren schon gibt es eine verstärkte Diskussion um die Gartenstadt der Zukunft. Da wird in den nächsten Jahren hoffentlich einiges passieren.

Das Gespräch führte Paul Meyer

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