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Warum Windradhersteller in Sachsen ihre Werke schließen

Es klingt Paradox: Die Windkraft soll ausgebaut werden, doch in Sachsen schließt ein Hersteller nach dem anderen. Jetzt nehmen die Beschäftigten das Rad selbst in die Hand.
Lesedauer: 4 Minuten
Noch werden in Klipphausen Windrad-Getriebe produziert.
Noch werden in Klipphausen Windrad-Getriebe produziert.

Von Luisa Zenker

Gemächlich drehen sie sich. Die fünf Windräder, die mit ihren weißen Nasen direkt auf das Eickhoff-Werk in Klipphausen blicken, wo auch Betriebsrat Jörg Koziol gemächlich eine Zigarette raucht. Dabei drehen die Windräder dem Mechaniker gerade sein Leben auf den Kopf. Vor zwei Monaten hat der 34-Jährige erfahren, dass sein Werk geschlossen wird.

Seit sieben Jahren produziert Koziol in Klipphausen Getriebe für Windräder, das Verbundstück zwischen Flügel und Generator. Er und seine 170 Kollegen fräsen, schleifen, erhitzen, lackieren, montieren hier im Zwei-Schicht-Betrieb, um die 46 Tonnen schweren Rundteile nach ganz Europa und darüber hinaus zu verkaufen. Doch damit ist zum Jahresende Schluss. Trotz dessen, dass Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vier bis fünf Windräder pro Tag bauen möchte. Ein Paradox, das Mechaniker Koziol nicht versteht.

Das Auf und Ab der Windindustrie

Als Gründe für die Schließung nennt Werkleiterin Heidrun Hennig die Konkurrenz aus China, demnach würden die dort stark subventionierten Hersteller auf den europäischen Markt drängen. Aber nicht nur die Konkurrenz, auch die langen Genehmigungsphasen haben dem Zulieferer den Wind aus den Segeln genommen. „Die Preiskalkulationen von vor Jahren stimmen durch Inflation, gestiegene Energiekosten, gestörte Lieferketten nicht mehr.“ Ein Problem, dass das Werk direkt vor der Tür beobachtet. Auf der Baeyerhöhe gegenüber läuft der Streit um die fünf Windräder seit Jahren via Stop-and-Go im Rückwärtsgang.

Der Bau von Windrädern sei von vornherein ein Schwankungsgeschäft, so Hennig. Müsste man die Werksgeschichte in einen Roman packen, wäre die Überschrift sicherlich: Ein Hoch und Tief zwischen Brise und Tornado.

Denn nachdem der Betrieb 2009 in Klipphausen geöffnet hatte, schlitterte er im selben Jahr in die erste Wirtschaftskrise, mehrere Monate Kurzarbeit folgten für die etwa 160 Mitarbeiter. Obwohl die Tochterfirma zuvor durch das sächsische Wirtschaftsministerium mit 7,87 Millionen Euro gefördert wurde. Danach weht der Wind erstmal aus der richtigen Richtung: Zwischenzeitlich werden 650 Getriebe pro Jahr produziert. 2017 folgen weitere Investitionsschübe von 15 Millionen Euro.

2019 dann ein starker Rückfall, drei Monate Kurzarbeit für die Mitarbeiter, knapp 50 Beschäftigte werden entlassen, die Produktion bricht um die Hälfte ein, weil der Hauptkunde, der Hamburger Windradhersteller Senvion, Pleite ging. Als großer Kunde bleibt nur noch die Hamburger Nordex.

Schon zu der Zeit beginnt der Bochumer Mutterkonzern Eickhoff in Hintergrundgesprächen einen Partner für die Klipphausener Tochterfirma zu suchen. Drei landen in der engeren Auswahl. Während der Verhandlungen baut Eickhoff dennoch weiter aus, gründet eine Tochter in Indien. Ihr Spezialgebiet: Windkraft-Getriebe. Ein Jahr später wird es verkauft. In Klipphausen springen derweil die Interessenten ab.

Mitte April reist dann die Bochumer Geschäftsführung an. Sie verkündet vor versammelter Mannschaft die Schließung. „Die Stimmung – wie soll die gewesen sein?“, fragt der Betriebsrat frustriert, der derweil durch das Werk läuft, von den klimatisierten Werkhallen, dem Mannschaftsgefühl und dem Know-How schwärmt. „Wenn man irgendwo wieder anfängt, ist man erstmal der Neue“, seufzt er, grüßt einen Mitarbeiter in blauer Hose, der ein gefrästes Zahnrad in der Hand hält.

Schließungen in der Windindustrie häufen sich

Es ist Bernd Schmidt, der 59-Jährige hat 2008 die Stellen-Anzeige von Eickhoff im Blatt entdeckt und gesagt: „Da geh ich hin. Die Windindustrie hat Zukunft.“ Eine Viertelstunde fährt er seitdem mit dem Auto von Bannewitz, um in den Werkhallen zu arbeiten. Dass er sich nun vor der Rente nochmal umschauen muss, damit hat er nicht gerechnet. „Ein Jahr Kurzarbeit hätte hier fast jeder mitgemacht.“ 2024 rechnen manche Experten mit einem Aufschwung. Andere haben damit ganz aufgegeben und munkeln im Werk von einem Aus der deutschen Windhersteller.

Und tatsächlich mehren sich die Schließungen: So meldete zuletzt der Wind-Getriebehersteller Zimm in Ohorn bei Pulsnitz, dass er seinen Betrieb einstellen wird. Zuvor musste der Dresdner Windkraftanlagenhersteller Iqron Insolvenz anmelden. Auch der Windradbauer Vestas hat das brandenburgische Lauchhammer verlassen. Und vor einem Jahr schloss das deutschlandweit letzte Flügelwerk Nordex in Rostock. Wiederholt sich aktuell beim Wind das Drama der Solarbranche?

Chinesen produzieren leistungsstärkere Getriebe

Der Vorsitzende des sächsischen Landesverbandes Windenergie Professor Martin Maslaton erklärt: „Es stimmt, dass die Chinesen eine aggressive Politik fahren, aber nicht nur beim Wind.“ Er ist optimistisch und glaubt daran, dass mit Getrieben derzeit Gold gemacht werden könne. Das Werk in Klipphausen sieht er als Sonderfall, spricht von einem Investitionsstau, von einer zu hohen Abhängigkeit einzelner Hersteller. Von Getrieben, die eine Leistung von maximal 5,7 Megawatt haben, während der chinesische Konkurrent Goldwind Anlagen mit 12 Megawatt baut. Er sagt: „Es gibt eine Krise der Zulieferer und der Kostenstruktur.“ Maslaton nimmt wahr, dass die Produzenten den Preisdruck an die Zulieferer weitergeben und fragt sich, wie man bei den zähen Genehmigungsphasen kalkulieren solle.

Zwar hat der Freistaat bereits durch die im Dezember beschlossene Flexibilisierungsklausel dafür gesorgt, dass der Ausbau schneller voranschreitet, doch möglicherweise kam das zu spät. „Eickhoff Klipphausen zeigt, dass auch in globalen Wachstumsbranchen der Wettbewerb um Aufträge und Marktanteile sehr hart ist“, heißt es vom Wirtschaftsministerium auf Nachfrage.

Vom Windradhersteller zum Panzerzulieferer

Doch die Mitarbeiter im Werk geben nicht auf. Gemeinsam mit der IG Metall haben sie einen Innovationsprozess namens „Wind of Change“ ausgerufen, ein weltweit besonderes Konzept. Innerhalb von drei Monaten begleitet sie der österreichische Think Thank Grantiro dabei, neue Ideen zu entwickeln.

In den Betriebsräumen von Eickhoff hängen deshalb überall gelbe Klebezettel: „Getriebe für Thermomix, Achterbahnen, Panzer“, hallt es von den Wänden. „Alles ist erlaubt, es muss kein Getriebe sein“, sagt Peter Rasenberger zu den Facharbeitern. „Wir könnten für Kräne oder für Panzertürme produzieren, alles was gedreht und geschwenkt werden muss“, schlägt Vorarbeiter Danny Leuteritz vor, der sich, wie so mancher im Werk einen Wandel vom Wind zur Rüstungsindustrie vorstellen kann. „Groß, schwer und präzise“, so sehen die Jungs ihr Machwerk.

Doch auch Windgetriebe sind nicht vom Tisch. Um sich aber gegen den chinesischen Markt zu behaupten, muss ein neues Geschäftsmodell her, findet Rasenberger vom österreichischen Think-Tank: Getriebe per Mietvertrag, Preise pro erzeugter Energieleistung oder ein Reparatur- und Recyclingservice. Bis Juli wollen sie 30 Ideen konkretisieren, die sie dann großen Investoren mit mehr als einer Milliarde Kapital vorstellen. Daraus entwickeln sie dann drei Geschäftspläne. Ein Konzept, das bereits dem angeschlagenen Pionier der Fotochemie, der Tetenal in Norderstedt, wieder auf die Beine geholfen hat. Das Unternehmen wurde massiv vom Wandel zur Digitalfotografie getroffen. Auch bei Waggonbau Niesky ist das 2019 gegründete Unternehmen Grantiro in den Innovationsprozess involviert.

Doch solch ein Verfahren kostet 350.000 Euro, die Hälfte wird von dem Bochumer Mutterkonzern Eickhoff selbst übernommen. Für die anderen 50 Prozent haben sich die Mitarbeitenden an den Freistaat gewandt, doch bisher ohne Zusage. Das Wirtschaftsministerium habe der Geschäftsführung angeboten, frühzeitig bei der Investorensuche zu unterstützen. Eine Skizze liege dem Wirtschaftsministerium bereits vor, so Sprecher Jens Jungmann auf Sächsische.de-Anfrage.

Doch währenddessen klopfen bereits erste Industrieunternehmen aus Dresden an der Tür an, um Fachkräfte abzuwerben. „Das sind alles intelligente Menschen, die werden in wenigen Wochen einen neuen Job haben“, meint Think-Tank Gründer Rasenberger. Doch Jörg Koziol sieht das anders: „Wir halten zusammen. Wir wollen nicht gehen.“

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