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Was das Zentrum für Astrophysik den Menschen in der Oberlausitz bringen soll

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer erklärt in Bautzen, wie jeder Oberlausitzer von dem geplanten Großforschungszentrum profitieren soll. Dabei bekommt er auch Gegenwind.

Lesedauer: 4 Minuten

"Mit dem Deutschen Zentrum für Astrophysik werden wir die Geschichte der Oberlausitz neu schreiben", meinte Ministerpräsident Michael Kretschmer am Montagabend in Bautzen.

Von Tim Ruben Weimer.

BautzenEs sei wie mit den Teflon-Pfannen, meint Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Montagabend, dem 13. März, in Bautzen. Eigentlich sei der Kunststoff ja entwickelt worden, um in der Raumfahrt eingesetzt zu werden, zum Beispiel als Abdichtung für Astronautenanzüge, ähnlich wie Goretex den Schuh vor Wasser schützt. Erst danach sei entdeckt worden, dass Teflon ja auch außerhalb der Raumfahrt einsetzbar sei, etwa zur Beschichtung von Kochpfannen.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) warb für die positiven Effekte, die das Astrozentrum für die Region haben werde. Links im Bild Staatssekretärin für Regionalentwicklung Barbara Meyer.

Auch wenn der Teflon-Mythos eigentlich als widerlegt gilt – der Kunststoff war bereits erfunden, bevor der erste Mensch je den Mond betrat – zeigt er, wovon Kretschmer und andere Vertreter von Behörden und Wissenschaft das Publikum beim von der Sächsischen Agentur für Strukturwandel organisierten Revierstammtisch im Bautzener Burgtheater überzeugen wollten: Das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA), das als Ausgleich für den Kohleausstieg in Görlitz angesiedelt wird, soll nicht nur Wissenschaftler in die Region ziehen, dadurch rund 1.000 Arbeitsplätze schaffen und die regionale Wirtschaft stärken. Es soll auch das Leben des einfachen Bürgers verändern.

Nur 35 Prozent der Angestellten sind Wissenschaftler

Zum Beispiel jenes des Baggerfahrers im Tagebau: „Bis 2038 wird er dort weiterarbeiten, kommt dann in die Rekultivierung oder bekommt ein Altersübergangsgeld, mit dem er in einem anderen Betrieb arbeiten kann – oder er geht in Rente“, erklärt Kretschmer. „Er will aber auch, dass seine Kinder und Enkel in der Region Arbeit finden“, ergänzt Barbara Meyer, Staatssekretärin im Ministerium für Regionalentwicklung. „Das kann das Zentrum für Astrophysik bieten.“ Nur 35 Prozent der Angestellten des Forschungszentrums sollen Wissenschaftler sein. So werde es zum Beispiel auch Arbeitsplätze für Berufe geben, die sich mit Fremdsprachen beschäftigen. Das könnte laut Meyer eine Chance für junge Frauen aus der Region sein.

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Auch mittelständische und kleine Unternehmen aus der Region sollen von der internationalen Strahlwirkung des Großforschungszentrums profitieren. Geplant seien außerdem bereits in diesem Sommer Schülercamps, in denen Schüler für die Astrophysik begeistert werden sollen, so Meyer.

Mehr Zugverbindungen durch das Forschungszentrum

Doch an dem Großforschungszentrum hängt noch mehr. Dienstleister wie Friseure und andere Geschäfte gebe es in der Region ja nur durch die bislang dominierende Braunkohle-Industrie, erklärt Kretschmer. „Das werden wir jetzt mit dem Forschungsinstitut genauso wiederholen. Wir investieren in die Wissenschaft und dann profitieren auch Menschen, die mit dem DZA gar nichts zu tun haben.“ Etwa dadurch, dass die Infrastruktur in der Lausitz ausgebaut wird, zum Beispiel durch eine Verlängerung der S-Bahn bis nach Hoyerswerda. Eine Schnellzugverbindung nach Berlin sei genauso gewollt wie eine durch die Lausitz nach Osteuropa.

An der Gesprächsrunde im Bautzener Burgtheater nahmen der Ministerpräsident, Vertreter der Ministerien, der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung, sowie Wissenschaftler für Astronomie und Nachhaltigkeit teil.

Auch für die negative demografische Entwicklung in der Oberlausitz werde das DZA als Chance gesehen. In dem Projekt „Mission 2038“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung hätten Jugendliche Ideen eingebracht, wie der Strukturwandel in der Region aussehen könnte, sagt Victoria Luh, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit in Potsdam. „Kinder und Jugendliche wollen sofort Resultate sehen, aber in echt braucht es Zeit.“ Die Einbindung von Kinder in den Wandlungsprozess müsse außerdem zu deren Lebenswelt passen. „Sie wollen nicht jede Woche drei Stunden in einem Gremium sitzen.“

Eigenen sich die Bohrungen als Atommüllendlager?

Dass das DZA nicht nur auf Wohlgefallen trifft, wird bei der Frage eines Bürgers aus dem Publikum deutlich. Wie denn ausgeschlossen werden könne, dass die Bohrungen für das Einstein-Teleskop bei Ralbitz-Rosenthal nicht als Atommüllendlager enden, fragt er. „Wir haben außerdem selber genügend Fachkräfte, die ordentlich bezahlt werden müssten“, fügt er hinzu. Ausländische Arbeitskräfte würden nach seiner Ansicht dafür nicht gebraucht. „Ich finde es ja immer spannend, neue Anregungen von außen zu bekommen“, entgegnet Kretschmer. Für ein Atommüllendlager eigne sich der Lausitzer Granit außerdem nicht.

Christian Stegmann vom Deutschen Elektronen-Synchrotron erklärte, er bekommen von den Oberlausitzern viel positives Feedback zum geplanten Astrozentrum in Görlitz.

Stattdessen, so erklärt Christian Stegmann vom Deutschen Elektronen-Synchrotron, einem Grundlagenforschungs-Institut aus Zeuthen in der Nähe von Berlin, könne die Tochter des Baggerfahrers aus dem Braunkohlerevier zum Beispiel beim geplanten Einstein-Teleskop Leiterin des größten Vakuumnetzwerkes der Welt werden. Ob das wirklich nach Ralbitz-Rosenthal und nicht nach Südholland oder nach Sardinien kommt, soll bis 2025/26 entschieden werden. Sicher sei bereits, dass ein Untergrundlabor gebaut werde, ob mit oder ohne des in Dreiecksform anzulegenden Teleskops im Lausitzer Granit.

Kretschmer kritisiert auf 2030 vorgezogenen Kohleausstieg

Der als Gast anwesende Görlitzer Landrat Stephan Meyer (CDU) stellt nochmal klar, dass die Landkreise Bautzen und Görlitz weiterhin auch die Ansiedlung des „Lausitz Art of Building“ unterstützen, das im Wettbewerb dem DZA unterlegen war. Zudem müsste Bürokratie abgebaut werden, um den Transformationsprozess zu beschleunigen. Dass der nur langsam voranschreitet, schiebt Kretschmer auf den Wechsel zur Ampelkoalition in Berlin. „Mit der neuen Regierung ist der Spirit des Kohleausstiegs weg, dabei war der so wichtig.“ Das drücke sich auch mit dem neuen Bestreben der Bundesregierung aus, den Kohleausstieg bereits auf 2030 vorzuziehen. Sachsen sei nun auf sich selbst zurückgeworfen. „Der einzige Verbündete, den wir noch haben, ist der Kanzler selbst.“

Anmerkung: In einer ersten Version des Artikels war vom größten „Wagonnetzwerk“ der Welt die Rede. Tatsächlich handelt es sich um das größte Vakuumnetzwerk. Der Artikel wurde am 14.3 um 8.45 Uhr entsprechend korrigiert.

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