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Was die Unternehmer in Ostdeutschland umtreibt

Scholz und Habeck loben und umwerben auf dem 9. Ostdeutschen Wirtschaftsforum die Unternehmer und müssen sich vor allem bei einem Thema heftige Kritik anhören.
Lesedauer: 4 Minuten
Man sieht Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Robert Habeck
Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, spricht beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum im Theater am See. Foto: Monika Skolimowska/dpa © dpa

Von Nora Miethke

Die ostdeutsche Wirtschaft ist angekommen. Die Herausforderungen, die die letzten drei Tage lang auf großer Bühne und in den Seminarräumen des Hotels Esplanade am Scharmützelsee diskutiert wurden, sind gesamtdeutsche Probleme: hohe Energiepreise, überbordende Bürokratie, zunehmender Wettbewerbsdruck durch Billigimporte aus China. Das Ostdeutsche Wirtschaftsforum (OWF) ist inzwischen eine Konferenz in Ostdeutschland, aber wo nicht mehr die ostdeutschen Belange im Vordergrund zu stehen scheinen. Die einen Gäste wie Dirk Vogel finden das gut. „So viele echte ostdeutsche Probleme gibt es nicht mehr“, sagt der Geschäftsführer des sächsischen Autozulieferernetzwerks AMZ.

Andere wie Joachim Ragnitz sehen das etwas anders. Zwar unterscheide sich die konjunkturelle Entwicklung im Osten nicht mehr von der im Westen, meint der Vize-Chef der Niederlassung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in Dresden. Aber es gebe mit dem stärkeren Fachkräftemangel, dem Strukturwandel in den Kohleregionen und dem höheren Wählerzuspruch für die AfD noch besondere Herausforderungen für Ost-Unternehmen. Die politische Unsicherheit vor den Landtagswahlen sei höher als im Westen.

Joachim Ragnitz, Ökonom und Vize-Chef der Niederlassung des Ifo-Instituts in Dresden, sieht noch besondere Herausforderungen für die ostdeutsche Wirtschaft. Foto: PR
© Klaus Gigga

Das ist auch auf dem OWF zu spüren. Nach einer Umfrage unter 1.500 Entscheidern und Entscheiderinnen in der ostdeutschen Wirtschaft sehen rund 60 Prozent der Befragten das Halten und Finden von Mitarbeitenden als die größte Herausforderung für ihr Unternehmen. Auf Platz zwei rangiert das Standhalten dem Wettbewerbsdruck. Und zehn Prozent der Befragten bewerten die politische Radikalisierung als Standortrisiko. In Sachsen sieht das sogar jeder dritte Befragte als die aktuell größte Herausforderung.

Fachkräfte händeringend gesucht

„Sachsen verliert 400 000 Menschen im erwerbsfähigen Alter bis zum Jahr 2030 und dann kommt der Branchenverband Silicon Saxony und verkündet den Bedarf von 10.000 neuen Arbeitsplätzen in der Halbleiterindustrie“, umriss Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig die Dimension des Fachkräfteproblems. Allein die beiden Chiphersteller Infineon und TSMC, die in Dresden neue Fabriken bauen, suchen mehrere tausend Mitarbeitende. Zweihundert Kilometer entfernt will der US-Chipriese Intel 33 Milliarden Euro in eine gigantische Halbleiterfabrik investieren. Intel-Chef Pat Gelsinger spricht von bis zu 10.000 neuen Jobs, die entstehen sollen. Umsetzen soll das Sonja Pierer, Direktorin der Intel Germany Service GmbH, die neben Dulig auf dem Podium saß. Auch für sie ist die Fachkräftesuche „das Schlüsselthema“. Intel investiere in neue Studiengänge an sechs Universitäten rund um Magdeburg, ob auch in Sachsen, verriet sie nicht. Pierer warb darum, dass sich Halbleiter-Unternehmen nicht als Wettbewerber, sondern als Partner sehen sollten.

Bernhard Kluttig, Abteilungsleiter Industriepolitik im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz sieht „Dresden-Magdeburg als ein Cluster, ein Ökosystem“. Er forderte eine Willkommenskultur, damit die Familien Lust darauf haben, nach Sachsen und Sachsen-Anhalt zu ziehen, um dort in der Chipindustrie zu arbeiten. „Eine Willkommenskultur ist die Voraussetzung für die Lösung des Fachkräfteproblems. Aber das ist kein ostdeutsches oder sächsisches Thema, sondern ein gesamtdeutsches“, stellte Kluttig klar. Die gesetzliche Grundlage für die Gewinnung ausländischer Mitarbeitender ist mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz da. Doch im Osten mangelt es auch an der Bereitschaft der Unternehmer, ausländische Bewerber in Größenordnungen einzustellen, auch aus Angst vor den Reaktionen in der Belegschaft. In kleinen Betrieben kann das schnell für Unruhe sorgen. Das wird nur hinter vorgehaltener Hand erzählt, nicht auf offener Bühne diskutiert.

Bundeskanzler Olaf Scholz (M, SPD) kommt in Begleitung von Frank Nehring (l), Präsident Ostdeutsches Wirtschaftsforum (OWF), und Philipp Mehne (r), Veranstalter OWF24, zum Auftakt des Ostdeutschen Wirtschaftsforums im Theater am See. Foto: Monika Skolimow
© dpa

Wie politisch sollten Unternehmen sein

Kontrovers diskutiert wurde, inwieweit Manager sich politisch positionieren sollten. Bundeskanzler Olaf Scholz und BDI-Präsident Siegfried Russwurm hatten zum Auftakt der Konferenz angemahnt, als Gesellschaft offen zu bleiben, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Stefan Traeger, Vorstandschef der Jenoptik AG wie auch Judith Borowski, Gesellschafterin und Co-Geschäftsführerin des Uhrenherstellers Nomos aus Glashütte, begründeten ihr politisches Engagement. Jenoptik hatte im letzten November die Plakatkampagne „#Bleib offen“ gestartet. Nomos bietet seinen Beschäftigten Seminare in politischer Bildung an und die Chefs beziehen in Interviews öffentlich Stellung gegen die AfD. Borowsski ermunterte die Teilnehmer, dem Beispiel von Nomos zu folgen-. „Am Ende bekommt man die Mitarbeiterschaft, die man verdient“, sagte sie und berichtete von zahlreichen Bewerbungen junger Leute, die zu Nomos wollen, „weil wir anders ticken.“

Viel Politikprominenz in Bad Saarow

Seit Antritt der Ampelregierung ist die Politikprominenz aus Berlin stärker in Bad Saarow vertreten, was auch daran liegen könnte, das die Bundesintiative „Deutschland – Land der Ideen“ einer der Veranstalter ist. Scholz wie auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck müssen sich vor allem harte Kritik an ihrer Energiepolitik anhören. Parteifreunde wie Dietmar Woidke und Manuela Schwesig, beide SPD und Länderchefs von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, fordern in ihren Reden bezahlbare Energiepreise und eine Energiewende, „die für die Menschen funktioniert“, so Schwesig. Viele im Saal haben den Eindruck, dass die Klimaschutzmaßnahmen aus dem Hause Habeck vor allem für die Großunternehmen gemacht sind und die Interessen der mittelständischen energieintensiven Firmen zu wenig berücksichtigt werden. Uwe Reinecke. Werksdirektor der ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi, nutzte auch in Bad Saarow die Gelegenheit, als Referent darauf hinzuweisen.

Es sind gesamtdeutsche Themen, die in Bad Saarow debattiert wurden, vielleicht etwas zurückhaltender, aber mit stärkerem ostdeutschen Selbstbewusstsein.

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