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Was würde passieren, wenn VW in Zwickau wirklich dichtmacht?

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, warnt vor einem Kahlschlag bei ostdeutschen Jobs. Der Anlass: Der VW-Aufsichtsrat berät am Donnerstag über Sparpläne des Konzerns. Auf der Streichliste soll das Zwickauer Werk stehen. Ist VW für Sachsen wirklich so wichtig?

Lesedauer: 4 Minuten

Der VW-Aufsichtsrat berät am Donnerstag über die Sparpläne des Konzerns. Auf der Streichliste soll auch das Zwickauer Werk stehen. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Von Franziska HöhnlGunnar KlehmFabian Deicke und Nora Miethke

Dresden/Zwickau/Wolfsburg. In die Debatte um Werksschließungen beim Autobauer VW, unter anderem in Sachsen, hat sich die Ostbeauftragte der Bundesregierung eingeschaltet. Sie erwarte, dass die in Rede stehenden Standorte und die Arbeitsplätze gesichert werden, sagte Elisabeth Kaiser (SPD) jetzt der Leipziger Volkzeitung und der Sächsischen Zeitung. „Mit Blick auf Ostdeutschland darf es nicht zu einem Kahlschlag bei den Arbeitsplätzen kommen. Die Folgen einer Werkschließung in Zwickau wären fatal.“

Eine solche Entscheidung träfe die gesamte ostdeutsche Autoindustrie als wichtigen Innovationsmotor, so Kaiser. Über die regionale Zulieferindustrie hängen nach Schätzungen mehrere Zehntausend Jobs am sächsischen VW-Standort.

Sollte das VW-Werk in Zwickau schließen, würde dies die gesamte ostdeutsche Autoindustrie als wichtigen Innovationsmotor treffen, erklärte Elisabeth Kaiser, die Ostbeauftragte der Bundesregierung. (Archiv)
Sollte das VW-Werk in Zwickau schließen, würde dies die gesamte ostdeutsche Autoindustrie als wichtigen Innovationsmotor treffen, erklärte Elisabeth Kaiser, die Ostbeauftragte der Bundesregierung. (Archiv)
Quelle: Patrick Pleul/dpa

Aufsichtsrat tagt – Zwickauer Werk in Gefahr?

Kaiser reagierte mit ihrem Appell auf Berichte, wonach der Volkswagen-Konzern weltweit jede sechste Stelle streichen will – doppelt so viele wie geplant. Laut dem „Manager Magazin“ droht demnach in Hannover, Emden, Neckarsulm und Zwickau das Ende der Produktion.

Dabei ist Sachsen schon vom bisherigen VW-Sparprogramm betroffen: Die Produktion in der Gläsernen Manufaktur in Dresden wurde bereits eingestellt, in Zwickau wurde sie heruntergefahren. Sächsische Spitzenpolitiker kritisierten die Pläne zuletzt bereits scharf.

Am Donnerstag (9. Juli) trifft sich der VW-Aufsichtsrat, um über die Sparpläne zu beraten. Gewerkschafter der IG Metall rufen parallel zu Aktionen auf. In Zwickau sollen die Beschäftigten vor den Werkstoren protestieren. Die Gewerkschaft rechnet damit, dass der Zuspruch dort und in Emden am größten ist.

Aktuelle Lage zum Nachhören als Podcast:

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Den Podcast gibt es auch auf Spotify und Apple Podcasts.

Wie wichtig ist VW für Sachsen?

Der Volkswagen-Konzern ist trotz des jüngsten Stellenabbaus Sachsens größter Arbeitgeber. Rund 10.000 Beschäftigte arbeiten in Zwickau und Chemnitz. Zum Konzern gehört auch der Sportwagen-Hersteller Porsche, der in Leipzig rund 4700 Menschen beschäftigt.

Laut dem sächsischen Automobilzulieferer-Netzwerk AMZ gibt es im Freistaat mehr als 800 Zulieferer, Ausrüster und Dienstleister sowie Werke von VW, BMW, Mercedes-Benz und Porsche. Die Autoindustrie ist im Freistaat die umsatzstärkste Branche, 95.000 Jobs hängen demnach an der Fahrzeugproduktion. Und VW ist der wichtigste Arbeitgeber.

Laut dem Statistischen Landesamt entfiel im ersten Quartal dieses Jahres jeder dritte erwirtschaftete Euro der sächsischen Industrie auf die Autoproduktion, nämlich 5,9 Milliarden Euro. Erst mit großem Abstand folgen die zweitwichtigste Branche Maschinenbau (1,8 Milliarden Euro) und die Nahrungsindustrie (1,5 Milliarden Euro). Binnen eines Jahres gingen demnach 6,9 Prozent der Jobs in der sächsischen Autoindustrie verloren.

Wie ist die aktuelle Stimmung?

Seit Jahren sorgen Schließungsgerüchte für Dresden und Zwickau für Unruhe. Die Unsicherheit sei eine enorme psychische Belastung, moniert etwa André Rockstein, der bei VW in Zwickau als Industrieelektroniker arbeitet. Die meisten dort hätten sich bisher so sicher gefühlt wie Staatsbeamte, so der 48-Jährige. Krisen habe es zwar gegeben, doch die jetzige Situation sei anders. Daran ändere auch eine bis 2030 ausgesprochene Beschäftigungsgarantie nichts.

VW-Beschäftigte in Zwickau fühlten sich jahrelang krisensicher und sind jetzt sehr verunsichert, wie André Rockstein (r.) erzählt.
VW-Beschäftigte in Zwickau fühlten sich jahrelang krisensicher und sind jetzt sehr verunsichert, wie André Rockstein (r.) erzählt.
Quelle: Thomas Kretschel

Tatsächlich gilt diese Garantie auch für die Beschäftigten der Gläsernen Manufaktur in Dresden. Trotzdem wurde die Autoproduktion dort eingestellt. Dass jetzt auch das Zwickauer Werk zur Disposition stehen soll, sorgt für viel Unverständnis. „Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man eine solche Diskussion über Zwickau führen kann“, sagt etwa Jens Katzek, der Chef des Automotive Clusters Ostdeutschland, im Podcast „Thema in Sachsen“ von SZ und LVZ.

„Wenn ich Aufsichtsrat wäre, würde ich darauf gucken: Wie kann ich gute Produkte in der Zukunft herstellen? Dafür brauche ich eine ziemlich gute Mannschaft, und ich brauche neue Produktionsanlagen“, so Katzek. Beides sei genau in Zwickau vorhanden, das Werk komplett auf Elektromobilität umgestellt.

Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man eine solche Diskussion über Zwickau führen kann. – Jens Katzek, Geschäftsführer des Automotive Clusters Ostdeutschland

Ministerpräsident Michael Kretschmer nennt es den „produktivsten und innovativsten Standort von VW“. Dieser dürfe nicht pauschalen Kürzungen zum Opfer fallen, so der CDU-Politiker.

Welche Alternativen gibt es?

VW ist so wichtig für die sächsische Wirtschaft, dass die Landesregierung alles versucht, um die Produktion zu halten. Er kämpfe um jeden Arbeitsplatz, so Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD). Infrastrukturministerin Regina Kraushaar (CDU) verwies mit Blick auf die aktuellen Schließungsgerüchte allerdings darauf, dass Akteure im Raum Zwickau seit mehreren Jahren am „Masterplan Südwestsachsen“ arbeiten. Er soll die starke Industrieregion weniger abhängig von VW machen und breiter aufstellen. Der Freistaat unterstützt den Prozess mit mindestens 100 Millionen Euro aus dem Sondervermögen.

Der Chef des Zuliefererverbands AMZ, Dirk Vogel, fordert, das Land müsste verstärkt andere Autohersteller ansprechen. „Ziel ist nicht, Volkswagen zu ersetzen, sondern die automobilen Kompetenzen der Region auszubauen.“ Vorbild sei der Aufbau des Halbleiter-Schwerpunkts Silicon Saxony in Dresden. Tatsächlich rief die Landesregierung gerade erst das „Space Saxony“ aus. Der Freistaat will gezielt Unternehmen und Start-ups aus dem Bereich Weltraum anlocken – aber auch Rüstungsunternehmen.

Für die VW-Standorte in Sachsen regte Wirtschaftsminister Panter zuletzt an, dass Kooperationen mit chinesischen Autoherstellern für eine bessere Auslastung sorgen sollten. Entsprechende Partnerschaften gibt es demnach schon für den chinesischen Markt. „Wir sind offen für Ideen, aber nicht für einen Ausverkauf.“

Ob der Volkswagen-Aufsichtsrat verschärfte Sparpläne beschließt und welche das sind, ist offen. Arbeitnehmer und das Land Niedersachsen haben viel Mitspracherecht in dem Gremium und kündigten bereits an, gegen Werksschließungen zu sein.

SZ

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