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Weniger Arbeit, gleiches Geld bei Savera in Hoyerswerda: „Muss was anderes geben als nur Arbeiten“

Ein sächsischer Werksleiter kürzt in seinem Produktionsbetrieb die Arbeitszeiten. Das Gehalt bleibt gleich. Rentiert sich das? Ein Besuch bei Savera in Hoyerswerda.

Lesedauer: 4 Minuten

Werksleiter Rico Rudolph im Hoyerswerdaer Wer von Savera.
Hier wiegt die Arbeitszeit so viel wie Stahl. Werksleiter Rico Rudolph führte die 36-Stunden-Woche ein. © kairospress

Von Luisa Zenker

Hoyerswerda. Eine Stahlschiene schwebt in der Luft. Dann lässt Mitarbeiter Erik Theinert das 120 Kilo schwere Teil langsam ab, um es in der Werkhalle einzupacken und in die Welt hinauszuschicken. „Für die Arbeit braucht man viel Kraft“, sagt der Produktionshelfer in schwarzem T-Shirt, der eigentlich mal Koch gelernt hat.

Doch die Arbeitszeiten waren ihm zu familienunfreundlich: „Immer am Abend und am Wochenende arbeiten, das hat nicht mehr gepasst“, erinnert er sich. Jetzt produziert er für das Hoyerswerdaer Unternehmen Savera, dessen Steckenpferd es ist, Stahlschienen für Fahrstühle herzustellen.

Jeden Tag beginnt die Schicht für Erik Theinert um 6 Uhr. Und endet 13.42 Uhr. Bei der Zahl grinst er. „Ja, wirklich“, fügen auch seine Kollegen hinzu. Und tatsächlich gilt in dem Unternehmen seit Juni 2021 die 36-Stunden-Woche. Seitdem arbeiten die neun Angestellten von Montag bis Freitag jeden Tag sieben Stunden und 12 Minuten in der Produktionshalle. „Ich kann danach mein Kind abholen“, freut sich Mitarbeiter Erik Theinert, der den gleichen Lohn erhält wie vorher.

Erik Theinert war mal Koch. Jetzt arbeitet er für das Hoyerswerdaer Unternehmen Savera, dessen Steckenpferd es ist, Stahlschienen für Fahrstühle herzustellen.© kairospress

Warum das trotz weniger Stunden möglich ist, diese Frage kann Werksleiter Rico Rudolph beantworten.

Der 43-Jährige hat sich schon früh mit dem Thema Arbeitszeit befasst. Bevor er in dem Unternehmen Prokurist wurde, arbeitete er für andere ostdeutsche Konzerne. „In dem einen Unternehmen hatten unsere westdeutschen Kollegen fünf Urlaubstage mehr und wurden nach Tarif bezahlt. Es ging mir nicht schlecht, aber das fand ich ungerecht. Und in dem anderen Unternehmen konnte man drei zusätzliche Urlaubstage erhalten, wenn man nicht krank war. Das habe ich nicht verstanden, wieso wird man bestraft, wenn man selbst krank ist?“

2016 wurde Rico Rudolph dann Werksleiter in dem Hoyerswerdaer Betrieb. Das Thema Arbeitszeit ließ ihn nicht los. Dann kam der Entschluss: Im Juni 2021 reduzierte er die Arbeitszeit für seine Mitarbeiter um vier Stunden. Begleitet wurde der Wandel auch wissenschaftlich. Die Professur für Arbeitspsychologie der Technischen Universität Dresden verglich das Hoyerswerdaer Werk mit einem Partnerbetrieb in Hanau, das weiterhin 40 Stunden schuftete.

Mitarbeiter sind zufriedener

Schon nach ein paar Wochen fiel auf: Rudolphs Mitarbeiter sind zufriedener. „Anfangs haben sie sich mehr gestresst, weil sie dachten, sie müssten das gleiche Pensum in weniger Stunden leisten.“ Den Druck nahm ihnen der Werksleiter.

Nach anderthalb Jahren kann er sagen: „Meine Leute sind weniger gestresst und weniger krank.“ Davor verzeichnete jeder Mitarbeiter 18 Krankentage im Jahr, jetzt sind es nur noch 11 Tage.

Und genau hier liegt Rudolphs Geheimrezept: Dadurch, dass seine Mitarbeiter weniger krank sind, sei die Produktivität auf einem ähnlichen Niveau wie vorher. „Die verkürzte Arbeitszeit macht glücklicher, erholsamer, stressfreier, das kann niemals kontraproduktiv für die Unternehmen sein“, sagt Rudolph, der die Arbeitgeber kritisiert, die viel fordern, aber unkreativ seien, die Bedingungen zu ändern.

Sein Arbeitsmodell mache ihn auch attraktiver für Beschäftigte. Ein Pluspunkt angesichts des Fachkräftemangels. Dabei verweist er auch auf Pilotprojekte aus Großbritannien. Auch sie verdeutlichen: Beschäftigte sind mit verkürzter Arbeitszeit produktiver, weniger gestresst und seltener krank.

Der Chef selbst bleibt bei 40 Stunden

„Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Rudolph. „Es muss ja was anderes geben, als nur arbeiten zu gehen.“ Dass die jungen Menschen fauler geworden sind, wehrt er ab. „Sie sind bewusster für das Leben und viel mehr im Digitalen.“ Er kommt auch auf die Generation der Nachkriegszeit zu sprechen, die Deutschland durch harte Arbeit aufgebaut habe. „Aber heutzutage gibt es keine Schreibmaschinen mehr oder Karteikarten, in denen alles händisch eingetragen werden muss. Wieso sollen meine Leute nichts von der Digitalisierung haben?“

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Mit seinem Modell steht der Werksleiter in weißem Hemd dem sächsischen Ministerpräsidenten konträr gegenüber. Dieser forderte zuletzt, dass jeder Erwerbstätige in Deutschland eine Stunde pro Woche länger arbeiten solle, um den Fachkräftemangel zu beseitigen.

Der Werksleiter selbst arbeitet weiterhin 40 Wochenstunden. Er könne das nur seinen Mitarbeitern anbieten, weil er Prokurist sei, der für den spanischen Mutterkonzern Savera arbeite.

Sein Geschäftsführer habe das Arbeitsmodell anfangs riskant gefunden, sei aber schnell beeindruckt gewesen von der Studie der TU Dresden. Risikofreudig scheint der Werksleiter generell zu sein, weil: Auch jetzt will er trotz der schwachen Konjunkturlage an den Wochenstunden festhalten. Dabei stand das Werk in Hoyerswerda im vergangenen Jahr kurz vor dem Aus, die Hälfte der Mitarbeiter wurde entlassen. Denn die Firma gehörte dem russischen Unternehmen Voul Stahltechnik. Wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine wollten Rudolphs Kunden keine Ware mehr aus Hoyerswerda beziehen.

Zudem zog sich das russische Unternehmen aufgrund der Sanktionen aus Deutschland zurück. Zum Glück, so Rudolph, kamen da die Spanier im selben Moment. Sie übernahmen die Hoyerswerdaer. Doch ganz bleiben sie von der Wirtschaftslage nicht verschont. Während sie früher 20.000 Fahrstühle pro Jahr produzierten, sind es jetzt 15.000. Das habe auch mit dem Einbruch in der Baubranche zu tun. „Wenn keine Häuser gebaut werden, braucht es auch keine Fahrstühle“, meint der Werksleiter. Ein Großkunde habe aber bereits wieder an die Tür geklopft, denn das Ziel der Bundesregierung bleibt bestehen: 400.000 neue Wohnungen im Jahr, ob mit 32, 36 oder 40 Stunden.

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