Von Andreas Dunte und Andreas Hummel
Leipzig/Dresden. Das Abschlusszeugnis in der Tasche, suchen Tausende Jugendliche in Sachsen noch eine Lehrstelle. Derzeit seien fast 7600 gemeldete Bewerber ohne Ausbildungsplatz, teilte die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit mit. Dem stünden rund 7200 offene Stellen gegenüber. Lange Jahre war das Verhältnis umgekehrt. Da gab es weniger Bewerber als angebotene Lehrstellen.
„Es gibt noch viele freie Lehrstellen, und die Berufsberatung unterstützt auch kurzfristig jeden, der Hilfe braucht“, so der Chef der Regionaldirektion, Klaus-Peter Hansen. Bis zum Ausbildungsstart im August und September bleibe noch etwas Zeit. „Unser Ziel ist klar: Niemand soll leer ausgehen.“
Lehrstellenangebot ist regional unterschiedlich
Hansen ermuntert zugleich junge Menschen ohne Lehrvertrag, aktiv zu werden. „Es gibt noch viele freie Lehrstellen, und die Berufsberatung unterstützt auch kurzfristig jeden, der Hilfe braucht.“
Die Hitliste der Wunschberufe bei jungen Bewerbern in Sachsen wird angeführt von Verkäufer sowie Kfz-Mechatroniker für Pkw-Technik. Wer kurzfristig noch eine Lehrstelle benötigt, hat den Angaben zufolge beispielsweise als Werkzeug- oder Zerspanungsmechaniker sowie als Einzelhandelskaufmann gute Chancen. Hier stünden jeweils einer Vielzahl an freien Stellen vergleichsweise wenige Interessenten gegenüber.
DGB richtet Appell an die Unternehmen
Allerdings seien die Chancen auf einen Ausbildungsplatz regional unterschiedlich und damit auch die Konkurrenz unter den Schulabgängern. Die Landkreise Nordsachsen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Bautzen und die Stadt Chemnitz seien Regionen mit besonders vielen Bewerbern pro Stelle. Besser sei die Situation in Dresden sowie den Landkreisen Meißen, Vogtland und Zwickau, heißt es bei der Regionaldirektion: „Hier stehen den Jugendlichen rechnerisch mehr Ausbildungsangebote zur Verfügung.“
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Sachsen sieht im Rückgang der betrieblichen Ausbildungsstellen eine alarmierende Entwicklung. „Wer heute nicht ausbildet, steht morgen ohne Fachkräfte da“, sagt Sachsens DGB-Vizechef Ralf Hron. „Den Arbeitgebern kann ich nur raten, mit mehr Weitblick an die Personalentwicklung zu gehen. In schwierigen Zeiten an der Ausbildung zu sparen, führt in die Sackgasse.“ Ohne Fachkräfte blickten die Betriebe in eine unsichere Zukunft. Und ohne Abschluss blieben den Jugendlichen häufig schlecht bezahlte Helferjobs ohne Perspektive. Das müsse verhindert werden.
In schwierigen Zeiten an der Ausbildung zu sparen, führt in die Sackgasse. – Ralf Hron, DGB-Vize in Sachsen
„Wenn die jungen Menschen in Sachsen keinen adäquaten Ausbildungsplatz finden, droht im schlimmsten Fall ihre Abwanderung in andere Bundesländer“, so Hron weiter. Das könnten sich die Unternehmen nicht leisten.
Das Handwerk im Freistaat hat einen anderen Blick auf die Zahlen. „Ein Abreißen der Ausbildungsbereitschaft kann im sächsischen Handwerk definitiv nicht beobachtet werden“, sagt Volker Lux, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Leipzig. „Im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt haben wir aktuell 3,2 Prozent mehr berufliche Ausbildungsverträge in Sachsen eingetragen.“
Handwerk verzeichnet Zunahme an Ausbildungsverträgen
Schwankungen innerhalb einzelner Gewerkegruppen oder Regionen seien seit Jahren an der Tagesordnung. „Die zahlreichen Rückmeldungen aus unseren Betrieben zeigen, dass zur Besetzung freier Lehrstellen zunehmend Aktivitäten außerhalb von Lehrstellenbörsen oder der Bundesagentur für Arbeit an den Tag gelegt werden. Somit ist die Aussagekraft aus dieser Datenbasis sehr eingeschränkt.“
Mit Sorge blicke das Handwerk allerdings auf die beabsichtigte Verlegung von Berufsschulklassen in weiter entfernte Regionen. So soll nach Plänen des Kultusministeriums zum Beispiel die Ausbildung von Fleischern von Delitzsch nach Wilkau-Haßlau verlegt werden, die von Metallbauern von Böhlen nach Glauchau und die von Tischlern von Schkeuditz nach Torgau.
Das erschwere künftig die Lehrlingsakquise für Handwerksbetriebe, sagt Hauptgeschäftsführer Lux, „da weder geeignete ÖPNV-Verbindungen bestehen noch die Unterbringung in Wohnheimen flächendeckend sichergestellt ist. Gerade für minderjährige Schulabgänger und deren Eltern sinkt damit die Attraktivität einzelner Handwerksberufe drastisch.“ Die Pläne sind Teil eines Arbeitsentwurfs für die Fortschreibung des Teilschulnetzplans „Berufsbildende Schulen im Freistaat Sachsen“.
SZ


