Von Heiko Weckbrodt
Dresden. Hartmut Reitz ist erleichtert. Zufrieden, dass er seine Dresdner Geodaten-Digitalisierungsfirma „GUD“ in einen einigermaßen sicheren Hafen gesteuert hat, bevor er sich in den Ruhestand verabschiedet – soweit es eine sichere Zuflucht in einer sich stetig wandelnden Technologiebranche wie den Geoinformationssystemen (GIS) überhaupt geben kann. „Wichtig war mir, dass meine Leute ihre Arbeitsplätze behalten, das Unternehmen erhalten bleibt und Perspektiven bekommt“, sagt der 66-jährige Ingenieur und Entrepreneur.
Dies ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit: Bundesweit ist laut KfW-Angaben jedes vierte mittelständische Unternehmen von einer Schließung bedroht, weil kein Nachfolger für den ausscheidenden Inhaber und Geschäftsführer in Sicht ist. Und in Sachsen haben nach einer gemeinsamen Analyse von Creditreform und vom „Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung“ (ZEW) binnen eines Jahres rund 8000 Unternehmen dichtgemacht – der größte Teil davon nicht etwa durch Insolvenzen, sondern durch „stille Geschäftsaufgaben“, hinter denen oft das Nachfolge-Dilemma steckt.
Ostdeutscher Geodaten-Spezialist wächst
Anders kam es für die GUD: Nach einem mehrstufigen Auswahlprozess mit vielen Bewerbern, die den Dresdner Betrieb kaufen wollten, hat sich Hartmut Reitz für Vincent van Houten und dessen „Deutsche Infrasoft“ als neuen Eigentümer der „Gesellschaft für Umweltschutz-Dienste“ (GUD) entschieden – „und wir für die GUD“, wie van Houten betont. Von beiden Seiten her gewissermaßen eine Traumhochzeit: Die GUD bringt ihre besonderen Kompetenzen in der Digitalisierung und Aufbereitung von Abwassersträngen, Baumalleen, Flüssen und dergleichen in die Allianz ein. Die Deutsche Infrasoft mit Hauptsitz in Magdeburg wiederum ist in den vergangenen Jahren zu einer wichtigen Adresse für die Digitalisierung komplexer deutscher Infrastrukturen gewachsen. Was heißt: Die Geschäftsfelder der Dresdner und Magdeburger ergänzen sich mehr als dass sie sich überlappen.
Gemeinsam sind ihnen die geografischen Wurzeln, denn beide Unternehmen sind genuin ostdeutsche Gewächse: Nachdem er jahrelang weltweit Projekte der Deutschen Bahn gemanagt hatte, gründete van Houten im Jahr 2022 in Magdeburg die „Deutsche Infrasoft“ – um aus seinen internationalen Erfahrungen heraus zu beweisen, dass Bahntrassen und andere wichtige Infrastrukturvorhaben auch in Deutschland durchaus in Monaten statt Dekaden realisiert werden können. Die Fachleute dafür kaufte sich der studierte Volkswirt durch Firmenübernahmen nach und nach in ganz Ostdeutschland ein: „GEO Net solution“ aus Leipzig brachte die Expertise für die lasergestützte Ausmessung von Straßennetzen ein, dann kam ein Ingenieurbüro nach dem anderen hinzu – jedes auf eine andere Facette der großen Digitalisierungsoffensive ausgerichtet. Mittlerweile beschäftigt die Deutsche Infrasoft 170 Menschen an zehn Standorten in ganz Deutschland. Und der jüngste Neuzugang verstärkt nun eben von Dresden aus den wachsenden ostdeutschen Mittelständler: „Die GUD mit ihren Kompetenzen passt da gut hinein“, meint van Houten.
Vom Ein-Mann-Unternehmen zum Champion in der Nische
Und diese besondere Expertise haben die Dresdner Ingenieure über Dekaden hinweg akkumuliert: Klaus Grunwald, der vormalige Technikdirektor der Dresdner Wasser- und Abwassergesellschaft WAP, gründete 1992 ein Ein-Mann-Ingenieurbüro – und machte sich mit der GUD rasch einen guten Namen in Sachsen und darüber hinaus. Was mit der Unternehmensberatung für regionale Wasser-Zweckverbände begann, weitete sich schließlich zu einem ostdeutschen Komplex-Dienstleister aus, der für Kommunen, Verbände und Landesbehörden alte Katasterkarten digitalisiert und aufbereitet, der die Regenwasserverteilung auf dem Lande ausmisst, Rohrleitungen, Leitungsrechte und viele andere Informationen elektronisch zusammenführt, für die Planer von Infrastrukturprojekten früher meist unzählige Aktenregalmeter, Archive und Papierberge durchforsten mussten.
Dem Chlorophyll-Auge entgeht kein Waldsterben
2005 wechselte Hartmut Reitz von einem Partnerunternehmen hinein in die GUD, kaufte dem Gründer nach und nach die Anteile ab, während Grunwald ihn zu seinem Nachfolger „aufpäppelte“. „Technologisch hat sich seither viel getan“, erzählt der an der TU Dresden seinerzeit ausgebildete Ingenieur Reitz. Dass die GUD in den vergangenen Jahren immer mehr Kunden über Sachsen hinaus gewann, liegt auch am besonderen Durchblick der Dresdner Ingenieure: Mit einem gemieteten Leichtflugzeug fliegen sie von Bautzen aus regelmäßig Hunderte Kilometer Deutschland ab. An Bord ist ein eigenentwickeltes fliegendes Fünffach-Auge: Das System kombiniert Spezialkamera für Infrarot, klassische optische Farbsensoren mit einem „Rotkanten“-Modul. Letzteres erfasst die besonderen Wärmestrahlen, die vor allem von Chlorophyll reflektiert werden. Was heißt: Mit diesem besonderen System können die GUD-Experten nicht nur rein optisch das Blätterdach von Wäldern und Alleebäumen mustern und in digitale Karten einpflegen, sondern vom Flugzeug aus auch unter die Wipfel schauen: Nur wenn die Sensoren dieses besondere Licht am Infrarot-Rand auffangen, lebt der Baum wirklich noch. Die mit diesen Infos erstellten Digitalkarten helfen dann Straßen- und Umweltplanern, innerlich abgestorbene Bäume zu identifizieren und neue an ihrer Stelle zu pflanzen. Wenn die GUD-Spezialisten mit dem Flieger aufsteigen, dann entwickeln sie oft auch langfristige Lösungen für drängende Fragen unserer Zeit, suchen beispielsweise gemeinsam mit Forschungspartnern nach Antworten auf den Klimawandel. „Mit einer Fachhochschule haben wir Methoden entwickelt, um die Vitalität von Zuckerrübenfeldern in Sachsen-Anhalt zu überwachen“, erzählt Reiz. Das fliegende Kamerasystem kann beispielsweise sichtbar machen, ob die Rüben auf den Feldern unter Trockenstress, krabbelnden Schädlingen oder Pilzen leiden. In einem anderen Großprojekt waren die Sachsen in Sachsen Umwelt- und Fischschutz unterwegs. So sind sie beispielsweise den Schwarzwald abgeflogen. Unterwegs haben sie zentimetergenau die Flussverläufe kartografiert und digitalisiert, um die Wege der Fische zu erkennen.
Laser-Scanner sollen Unsichtbares sichtbar machen
Das Know-how der Dresdner hat sich mittlerweile bundesweit herumgesprochen. Das 15-köpfige Ingenieurteam gilt längst als wichtiger Schlüsseldienstleister für die Erfassung, Digitalisierung und Aufbereitung von Geoinformationsdaten im Infrastruktursektor. „Ganz viele sprechen darüber, dass Deutschland digitaler werden muss“, sagt Reitz. „Wir schaffen die Voraussetzungen dafür.“ Zwar hat er noch viele Ideen, an welchen technologischen Schrauben man da noch drehen könnte, denkt dabei beispielsweise an den Einbau von Laser-Scannern in das Leichtflugzeug. Denn die „schauen“ auch an die Oberfläche, die das normale Auge nicht wahrnimmt – man denke nur an die Entdeckung der mexikanischen Mayametropole Valeriana im Herbst 2024 dank Lidar-Technologie. Solche Projekte will der 66-Jährige aber allenfalls noch als Berater anstoßen, sie ansonsten aber der nächsten Generation überlassen.
Und der neue Eigentümer van Houten sieht da noch ganz viel Wachstumspotenzial: „Ich gehe mal davon aus, dass die GUD in den nächsten drei Jahren ihren Umsatz verdoppeln wird und personell ähnlich stark wachsen wird“, orakelt er. Denn die Dresdner haben in ihrer Nische einen beträchtlichen Technologie- und Expertisevorsprung aufgebaut. Zweitens können die Sachsen mit neuen und komplexeren Aufträgen im Zusammenspiel mit dem Unternehmensverbund rechnen, zu dem sie nun gehören. Und nicht zuletzt sind da die Digitalisierungs- und Infrastrukturoffensiven von Bund, Ländern und Kommunen, die ohne spezialisierte private Dienstleister wie GUD und „Deutsche Infrasoft“ gar nicht zu stemmen sind.
Diese digitalen Fähigkeiten eröffnen ganz neue Möglichkeiten und ein deutlich höheres Tempo für die millionen-, teils sogar milliardenteuren Ausbauprojekte für Bahntrassen, Straßen, Brücken und dergleichen. „Früher mussten man dafür Scharen von Vermessern losschicken“, sagt er. „Heute fahren, fliegen und scannen wir in Stunden ab, was früher Wochen gedauert hat.“


